Als ich ein Junge war

Als ich ein Junge war, habe ich zu Weihnachten das Playmobilset mit den Feuerwehrmännern bekommen. Ich weiß heute noch, wie sie rochen, wie sie sich anfühlten, und wie schön sie waren. Ich war der Blonde.

Rein biologisch war ich natürlich trotzdem ein Mädchen, und es gab keinerlei Konflikt damit, zeitgleich in den blonden Feuerwehrmann verliebt zu sein, so ein bisschen. Ich fand den sehr hübsch.

Ihr merkt schon, das hier wird sehr persönlich und spontan runtergeschrieben.
Muss es, denn es ist ein Thema, das mir auf der Seele brennt.
Wie sehr es brennt, merkte ich, als mir eine Freundin neulich ein Lied zeigte: „When I was a boy“ von Dar Williams.
Wie sehr es brennt, merke ich, wenn ich beim Hören heulen muss.

Sie fängt das Lied mit Geschichten aus ihrer Kindheit an, wie sie und ihre Freunde sich auf dem Piratenschiff gegenseitig das Leben gerettet haben, wie sie auf die höchsten Bäume geklettert ist, wie sie mit aufgeschlagenen Knien nach Hause kam. Das habe ich auch alles getan. Und wie Dar, die singt, dass sie ein Kind zum Gernhaben war, einfach ein kleiner Junge auf ihrem Fahrrad, hatte ich auch ein Rad, ein tolles, rotes 20er-Fahrrad. Es war mein Motorrad, mit dem ich über unseren Wendehammer gebraust bin, dicht über den Lenker gebeugt, und meine Schneejacke sah fast aus wie eine Motorradjacke.

Ich glaube, ich war unter anderem deswegen ein Junge, weil Mädchen zickig, tussig und doof waren. Mädchen waren die, die in den Geschichten um die Insel der Abenteuer dastanden und kreischten „Jack, rette mich!“ Natürlich war ich Jack.
Mädchen sind heute noch die, die im James-Bond-Film blöd rumstehen und quieken „James, was ist das?“, wenn in der Wüste eine Staubwolke auf sie zukommt. James sagt dann lässig: „Das ist ein Auto, Kleines.“
UND KAUM EINER FINDET DAS KOMISCH! Really, Hollywood? Da ist doch was schief!
Kurz gesagt konnte ich all das, was die anderen Jungs auch konnten. Ich konnte in Häuser einbrechen, und ich konnte beim Verstecken im Dunkeln der sein, der nicht gefunden wurde.
Ich war ein glückliches Kind, denn mir hat niemand gesagt, ich dürfe nicht zu laut sein, nicht mutig sein, nicht stark sein. Ich war inhärent richtig als Kind, ganz egal, ob ich tagelang las und Blümchenbilder malte oder im Wald Räuber und Gendarm spielte.

Dann wurde ich älter und war sogar ein halbwegs glücklicher Teenager, auch wenn ich die sozialen Regeln um das Balzverhalten nicht so ganz begriff (um nicht zu sagen: gar nicht). Und ich fand einen wunderbaren Mann, der stark genug war, mich nicht kleinzumachen, der mich unterstützte in dem, was mir wichtig war, und der vermutlich in seinem Leben noch nie einen bescheuerten Herrenwitz gemacht hat.

Dar Williams erzählt in „When I was a boy“ von einem Moment, als sie dasselbe Glück hatte. Sie traf einen Mann und unterhielt sich mit ihm. „Du hast es gut“, sagte sie. „Du hast all die coolen Sachen, und ich habe verloren.“ Woraufhin er antwortete: „Siehst du das nicht? Ich habe auch etwas verloren. Als ich ein Mädchen war, habe ich mit meiner Mutter zusammengesessen und geredet, ich habe Blumen gepflückt, und ich konnte weinen.“

Spätestens an der Stelle heule ich dann zum zweiten Mal, und ich denke daran, wie mein Sohn im Kindergarten gelernt hat, dies oder jenes sei etwas „für Mädchen“ oder wie ein Verwandter  bei jedem – aber wirklich bei jedem! – Treffen über seine langen Haare meckern musste, obwohl die so schön waren. „Haha, bist du ein Mädchen?“ Als wäre das etwas Schlechtes.

Das ist lange her, natürlich.
Und irgendwie hatte ich immer gehofft, es habe sich etwas geändert – bis auf Facebook jetzt dieser Grundschultest herumging. Vielleicht habt ihr ihn gesehen. Es ging darum, Mädchen und Jungen Attribute zuzuordnen. Ein Mädchen als „mutig“ zu bezeichnen, hat die betreffende Lehrerin als Fehler angekreuzt. Mädchen sind nicht mutig, die nutzen Schminke und quieken „James, was ist das?“ Willkommen im Jahr 2018.

Können wir vielleicht einfach mal aufhören mit dieser sexistischen Kackscheiße in jeder Richtung?
Dabei verlieren doch alle nur.
Ich bin dafür, dass alle Menschen alles sein können, ohne diese ganzen bescheuerten Etikettierungen.
Vielleicht ändert sich ja dann doch noch mal was.
Irgendwann.

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PS:
Dieser Blog hier liegt ein wenig brach – teilweise, weil mir die Zeit fehlt, aber auch, weil ich nicht so richtig weiß, was ich damit machen soll. Wusste. Denn jetzt weiß ich es.
Jeder Marketingguru sagt: „Deine Marke muss erkennbar sein, ein Gemischtwarenladen ist unübersichtlich.“ Was sollte ich also hier schreiben? Über meine Sachbücher? Über meine Romane? Über Elternthemen, zu denen es fünfunddreißigtausend andere Blogs gibt, die das wunderbar machen? Zu Nachhaltigkeitsthemen, bei denen das ganz genauso der Fall ist?
Und heute hatte ich die Erkenntnis: Ich kann hier einfach schreiben, was ich will. Mein Wohnzimmer. Meine Regeln. Ich BIN ein Gemischtwarenladen. Ich schreibe hier einfach alles, was mir wichtig ist oder wozu mir gerade etwas einfällt.
Weil ich es kann.

 

English version

When I was a boy, I got the Playmobil firefighter set for christmas. To this day I know how they smelled, how they felt, how beautiful they were. I was the blond man. (Only in retrospect I see that there weren’t any female firefighters in that set.)

Biologically speaking, of course I still was a girl, and there wasn’t the least bit of conflict in having a crush on that blond one at the same time. I really liked him.

You probably notice this post is gonna be very personal, and written very spontaneously.
It has to be, because it’s about a topic that’s very close to my heart.
I noticed just how close it is when my friend showed me that song a while ago: „When I was a boy“ by Dar Williams.
I noticed just how close it is when I started crying while listening.

Dar starts her song with stories from her childhood, as she and her friends were saving their lives on the pirate ship, as she climbed the highest trees, as she came how with bloddy knees. I did all that, too. As the same as Dar, who sings that she was a „child that you would like, a small boy on her bike“ I had a bike, an awesome, red 20“ bike. It was my motorcycle, which I used to cruise our cul-de-sac, and my winter jacket almost looked a biker jacket.

I believe I mostly was a boy because girls were bitchy, dramatic and stupid. Girls were the ones who stood screaming „Save me, Jack“ in Enid Blyton’s Adventure series. ‚Course I was Jack.
Girls still are the ones who stand and scream „James, what is this?“ when there is a dust cloud in the desert in a James Bond movie. And James just says coolly: „That’s a car, little one.“
AND NOBODY CONSIDERS THIS WEIRD! Really, Hollywood? Something is deeply wrong here.
In short, I could all the things the other boys could do, too. I could break into houses, and when we were playing hide and seek in the dark, I was the one who was never found.
I was a happy kid, because nobody ever told me I shouldn’t be too loud, too courageous, too strong. I was inherently right as a kid, no matter if I spent my days reading and drawing flowers or playing cops and robbers in the woods.

Then I became older, and was actually was kind of a happy teenager as well, even if I didn’t quite get the social rules of dating (or rather not at all). And I found a wonderful man who was strong enough not to belittle me, who supoorted me in the things that were important to me — and who most likely hasn’t made a stupid old man’s joke in his life.

Dar Williams sings about a conversation she had with such a man. She talked to him and said: „You’ve got all the good things, and I have lost.“ To which he replies: „Don’t ypu see? I have lost something, too. When I was a girl, I would sit with my mom, and I picked flowers, and I could cry.“

This is the part in the song when I start bawling for the second time. I have to think of the day when my son learned in preschool that certain things or colors were „for girls“, or about all the ugly remarks a family member made about his beautiful long hair — every single time we met. „Haha, are you a girl?“ As if being a girl was something bad.

All this is years ago, of course, and I was hoping things had changed. Until there was this elementary school test going viral on Facebook. The kids had to attribute certain adjectives to boys or girls. In this test it was wrong to call a girl „strong“. Girls aren’t strong, girls use make-up and scream „James, what it this?“ Welcome to 2018.

Can we please stop this sexist crap in every direction?
Everybody only loses.
I vote for a world in which people simply can be whatever they want to be without all those labels.
Maybe something will change. One day.

 

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