Auf in die wahrhaft wilde Welt.

Wildworldtour, Hamburg -> Regensburg

Es fing damit an, dass ich die BahnCard nicht fand.
Beim Ordnen meines Portemonnaies fiel mir auf, dass ich immer noch die Karte mit Ablaufdatum 12.18 mit mir herumtrug. Aber ich wusste ganz genau, dass es die neue BahnCard geben musste. Irgendwo in einem ungeöffnetem Umschlag, denn in der Regel reicht es ja zu wissen, dass Gegenstände vorhanden und auffindbar sind, wenn man sie braucht. In der Regel. Denn das mit dem Auffinden stellte sich als gar nicht so trivial heraus. Der Umschlag von der Bahn war nicht auf dem Posteingangsstapel in der Küche, nicht auf dem Posteingangsstapel im Büro, nicht auf dem Stapel mit den zu bearbeitenden Sachen und auch nicht zwischen den frisch gelegten Handtüchern.
Es gibt die Möglichkeit, so grundsätzlich, die Bahncard in die App auf dem Handy zu laden, dann hat man sie immer dabei. Aber man braucht dazu eine PIN, und die hatte ich nicht.
Nachdem ich also zwei Stunden diesen Umschlag gesucht – und nebenbei mein Büro und die Küche aufgeräumt – hatte, gab ich auf. Um dann festzustellen, dass ich die Angaben auf der Bahn-Website vielleicht hätte genauer lesen sollen. Man kann die PIN anfordern. Fein, BahnCard-Problem gelöst. Kein Grund, nervös zu sein.
Abends betrachtete mein Liebster die Fahrradkarte für den ICE. „Hast du gelesen, dass man das Gepäck möglichst vom Fahrrad abnehmen soll?“
Hatte ich natürlich nicht. Es sind gefühlte fünfhundert Kilo Gepäck. „Möglichst“, sagte ich. „Es wird gehen, irgendwie.“
Die Sache war: Mein Fahrrad hatte seinen Sitzplatz in Wagen 1, ich hatte meinen in Wagen 11. Ich hatte absolut kein Interesse daran, meine – wie gesagt – fünfhundert Kilo durch zehn Wagen zu schleppen. Der Beschluss, dieses Problem in dem Moment anzugehen, in dem es sich stellte, knotete sich in meinem Magen zu einem unschönen Klumpen zusammen.
Klumpen im Bauch und Zappeligkeit im Herzen und dazu noch Vollmond – und ich wusste, dass ich um fünf aufstehen muss. Die Details meiner Nacht erspare ich euch.

Alles war schön, alles war fein, als ich losfuhr. Hamburg, geliebte Stadt, lag im Morgensonnenschein, ich hatte noch ein wenig Zeit und radelte in Richtung Alster.

Ich war pünktlich beim Zug, ließ das ganze Gepäckgeraffel bis auf die Wertsachen in Wagen 1 und machte es mir in Wagen 11 gemütlich. Ich mag das ja, erster Klasse zu fahren. Da kommen immer nette Menschen und fragen, ob man noch was braucht, und die Mitreisenden sind so unterhaltsam. Ich kenne mich jetzt detailliert mit den diversen Vor- und Nachteilen von Hermes und DHL (= Di-äitsch-äl) im … Gott, was war es gleich? … short und consolidated business … Vergesst es. So genau kenne ich mich wohl doch nicht aus. Ich hätte besser zuhören sollen. Aber ich konnte nicht, weil die beiden netten Frauen , die schräg über den Gang rüber saßen und ich uns immer verschwörerisch zugegrinst haben.
Außerdem musste ich mich auf meinen Vortrag konzentrieren, den ich noch feinschleifen wollte für heute Abend.

Und dann kam das mit dem Rechner.
Er schaltete sich aus. Einfach so.
Mein neuer Rechner.
Zack. Aus.
Batteriekontaktproblem oder so. Sagt Google (okay, Ecosia).
Drei Sätze schreiben – aus. Anschalten, fünf Sätze. Aus.
Nicht witzig.
Also kritzelte ich in der nächsten lichten Phase des Rechners alle Präsentationsfolien auf Karteikarten und schob sie in das Buch, zu dem der Vortrag in Regensburg sein sollte: Die Tyrannenlüge.
Danach war ich wieder guter Dinge.

Der Telefonierer war in Berlin ausgestiegen, die Sonne schien immer noch, die Landschaft war lieblich, der Kaffee gut. Der Zug fuhr durch Orte mit Namen wie Feuchter Forst und Postbauer-Heng.
Alles Umsteigen klappte wie am Schnürchen, und um 16:03h pünktlich war ich in Regensburg.

Um 16:35h pünktlich war ich am Hotel.
Um 16:35h und 30 Sekunden pünktlich übersah ich einen Poller, der auf dem Boden lag und beendete damit lautstark das kurze Leben meines Hinterreifenschlauchs.
Am Gründonnerstag, abends kurz vor fünf.
In Bayern.
Ich schleppte, während ich mit dem ADFC, der Fahrradwerkstatt, der Vortragsveranstalterin, dem ADFC, der Fahrradwerkstatt und dem ADFC telefonierte, mein Gepäck ins Hotel, wo mich – der Situation geschuldet – Mildi, die Veranstalterin abholen wollte.
Als ich meine ganzen Plünnen in der Lobby hatte, tauchte dann auch der Hotelchef auf, um mich einchecken zu lassen. Sehr netter Mann, übrigens. Ganz entzückend. Aber leider hatte er keine Buchung auf meinen Namen, wie wir feststellten, während der ADFC-Mann zurückrief.
Und Mildi suchte mich am falschen Hotel.
Und es war mittlerweile zwanzig nach fünf.
Um das hier abzukürzen: Es gibt offensichtlich zwei Hotels gleichen Namens in dieser Stadt. Ich blieb in meinem. Ich konnte ja auch nicht wirklich weg. Mildi schob eigenhändig alle Gründonnerstagsstauverursacher aus dem Weg, und wir waren exakt um 17:59h im Vortragsraum.
Leider aber ohne Beamer, weil dank des Staus, des geplatzten Reifens und all dieser Dinge niemand einen hatte organisieren können. Immerhin. Ich hatte den Rechner dabei.
»Weißte, ich lese einfach und trage mit Karten vor, das ist eh netter«, sag ich. Gucke in meine Tasche. Stelle fest, dass die Karteikarten UND das Buch leider in dem ganzen Gewuschel im Hotel liegengeblieben sind.
Aber der Rechner tut, was er soll.
Am Ende war ich mit dem Vortrag sogar einigermaßen zufrieden, hinterher gab es tolle Gespräche, und eine Zuhörerin – danke, Tine! – fuhr mich zurück zum Hotel und gab mir noch eine kleine Stadtführung auf dem Weg zum Auto. Regensburg ist eine feine Stadt, sehr hübsch.
Eine Stunde später kam der Mann einer anderen Zuhörerin zum Hotel – danke, Ulli, danke Julia! – und hat mir mal eben den Schlauch gewechselt.
Zumindest ist das eine Geschichte, die ich mal meinen Enkelkindern erzählen kann.
Morgen gibt‘s mehr. Oder übermorgen.

Eins ist jedenfalls mal sicher: Die Welt ist voll von sehr netten Menschen.
Das Leben ist ein krasses Abenteuer.
Und ich bin jetzt echt platt.

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