Bilder im Kopf

oder: Warum wir nicht erziehen und nicht nicht erziehen

„Tatze, willst du mitkommen?“, frag ich den Hund.
„Nö“, sagt der Hund. Also, nicht mit Worten, aber sie kommuniziert so deutlich, dass es immer ein bisschen ist, als hätte sie eine Sprechblase über dem Kopf.
„Ok, ich bin gleich wieder da“, flöte ich und bin versucht hinzuzufügen: „Pass gut auf dich auf.“

Ich steige zu meinem Mann ins Auto und stelle fest: „Unglaublich, sogar den Hund behandele ich antiautoritär.“

Dann denke ich an die Situationen, in denen ich wutenbrannt über den Deich kreische: „Du dämliches Vieh! Wie oft soll ich dir noch sagen, dass es oberobereklig ist, sich in toten Fischen zu wälzen?! Du kommst in die Wurst, hörst du?!“
Und ich stelle fest, dass es so weit doch nicht her ist mit dem unerzogenen Dasein des Hundes.
Aber immerhin, Jesper wäre zufrieden mit mir.
Ich bin in solchen Momenten sehr authentisch.

 

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Das Kind brülle ich in der Regel nicht an, aber es wälzt sich in der Regel auch nicht in totem Fisch. Und falls ich doch aus Versehen mal so ein ganz ganz kleines bisschen brülle, brüllt das Kind engagiert zurück, und dann reden wir drüber und haben uns wieder lieb, während der Hund sich nur genüßlich den alten Fisch aus dem Fell leckt und ich ihn erst wieder lieb habe, wenn das shamponierte Fell trocken und halbwegs fischfrei ist.

Also, so ganz richtige Nichterzieher sind wir nicht. Glaub ich.
Wir sind einfach drei Leute, die zusammenleben.
Mal bringt der eine den Müll raus und mal der andere.
Und mal kocht der eine das Mittagessen und mal der andere (naja, ok, meistens mach ich das).
Und mal liest der eine beim Wäschelegen vor und mal der andere.
So waren wir immer schon, auch als das Kind klein war. Irgendwie geht mir das Verständnis für Autoritäten und Hierarchien total ab. Ich begreife sie nicht. Deswegen kann ich sie vermutlich auch nicht besonders gut vermitteln. 😉
Also, doch antiautoritär? Antipädagogisch?

Mein Gespräch mit Herrn Winterhoff fand ja im Rahmen der NDR-Kulturdebatte statt. Auf der Website dazu gibt es auch ein „Lexikon der Erziehungsstile“. Da ist vom „Jesper-Juul-Stil“ bis zur Tiger-Mom so ziemlich alles vertreten.

Wenn ich das so alles durchlese, weiß ich wieder, wieso ich so eine Abneigung dagegen habe, zu Vereinen zu gehören.
Es sind bei allen Etiketten immer gleich Bilder im Kopf beteiligt. Klischees, die ungebeten in meinem Hirn erscheinen – und die ich nicht haben will.
Das Gute bei mir selbst ist, dass ich sie beeinflussen kann. Die Bilder, die meine Mitmenschen herumtragen, kann ich nicht beeinflussen, aber ich treffe sie jeden Tag. Meistens haben die Bilder was mit „wir gegen die“ oder „Wir sind besser als die“ zu tun, mit Unsicherheit.
Wer nicht unsicher ist, muss sich nicht so sehr mit einem Bild identifizieren, dass er die, die ein anderes Bild haben, doof finden muss.

  • Attachment-Parenting-Leute sind fundamentalistische spaßfreie Ökos mit Tragetüchern. Doof.
  • Helikoptereltern sind reiche Speckgürteleltern, die relativ spät ein Einzelkind bekommen haben und es fordern und fördern, wo sie können. Doof.
  • Tiger-Moms sind ehrgeizige, herzlose Eislaufmütter, die Leistung über Liebe stellen. Eh doof.
  • Tussis sind nur an ihren Fingernägeln und ihrer Diät interessiert und ihren Kindern gegenüber unempathisch und uninteressiert. Doof.
  • Und so weiter.
  • Und so weiter.

Als mein Sohn klein war, war die Zuordnung verhältnismäßig einfach, obwohl ich mich auch da schon schwertat, zu einem Verein zu gehören.
Aber es ging ja immerzu um Bindung.
Also machten wir wohl Attachment Parenting.
Oder Slow Parenting? Denn draußen waren wir auch oft. Stundenlang haben wir Baggern und Bauarbeitern zugeguckt. Oder Bäume, Blumen und Regenwürmer am Wegesrand bestaunt.
Aber ist es auch noch AP, wenn er jetzt mit Begeisterung die halben Sommerferien in Feriencamps verbringt und die ganzen Herbstferien in Amerika?

Ich will die Bilder nicht.
Ich will einfach nur ich sein und mit meiner Familie nach bestem Wissen und Gewissen zusammenleben.
In der Regel ist das sehr liebevoll und verbunden. Manchmal ist es das nicht. (Und trotzdem authentisch. Also doch Jesper?)

Ich will meine Fingernägel lackieren, ohne eine Tussi zu sein.
Ich will barfuß gehen, ohne ein Hippie zu sein.
Ich will meine Haare lila färben, ohne … keine Ahnung … komisch angeschaut zu werden.

Ich bin meins.

Diesen Satz hat mein Sohn erfunden, als das Hundchen ein Baby war und immerzu an allem rumgeknabbert hat – auch an Kindern.
„Hey, Tatze, ich bin meins!“
Ich fand’s damals so cool, dass ich das gleich auf einen Pullover bannen musste.

 

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Und je mehr ich darüber nachdenke, desto besser finde ich das.
Wir machen Ich-bin-meins-Parenting.

Das Kind ist seins. Die Hund ist ihrs. Der Mann ist seins.
Und ich, ich bin meins.

 

„Das ist beeindruckend, wie gut dein Hund erzogen ist“, sagte meine Freundin kürzlich, als wir in der Stadt waren (und der Hund nur deswegen so treu hinter mir herzockelte, weil das Terrain unbekannt und unheimlich war).
Ich dachte an den alten Fisch und stellte fest: „Eigentlich ist der Hund überhaupt nicht erzogen. Wir leben nur zusammen. Und wir sind dabei ziemlich authentisch.“
Doch Jesper?

Ich mag Ich-bin-meins-Parenting.

6 Kommentare

  1. Danke liebe Julia!!!! So ein toller Text. Und ich stelle fest, ich bin auch meins 🙂 Lebe zusammen mit Kind, Mann und Katze. Und wir versuchen es uns jeden Tag schön zu machen 🙂

  2. Ein wunderbarer Text und ein toller Begriff. Den klau ich im Fall gleich.
    Unabhängig davon finde ich, wir Menschen könnten von unseren Katzen noch viel lernen, die ziehen nämlich „ihres“ durch, ohne darüber nachzudenken, was jemand darüber denkt.

  3. Liebe Julia Dibbern,

    vielen Dank für diesen Text! Genau richtig auf der Suche nach „meins“ und so sein zu dürfen, wie es zu einem passt. Und sich nicht hinpressen zu lassen in Schubladen und Bildern… und sich auch nicht selber von diesen Bildern leiten zu lassen;-)
    Herzliche Grüße
    Halina

  4. So isses 🙂

  5. Danke für diesen tollen Text! Sehr schön geschrieben. Wir sind auch immer so an die Ecken und Kanten dieser Begriffe gestoßen. AP? Ja, so irgendwie. Aber primär: Liebe. Dem Kind gegenüber, uns gegenüber, den Katzen gegenüber. Mal gucken wie es wird wenn das Kind älter ist, eventuelle Geschwister kommen.

  6. Wunderbar dieser Text, er spricht mir aus der Seele. Ich habe oft das Gefühl, wenn meine Kinder für gutes Benehmen etc. gelobt werden, dass ich eigentlich nicht viel dafür kann. Aus meiner Sicht entwickeln sich die Kinder wie sie es wollen und als gut empfinden und man selbst kann als Mama oder Papa bestenfalls Anteil haben. Ich finde diese Erziehungskategorien als anstregend, denn um diese einschätzen zu können, muss man sie erstmal alle kennen…“Ich bin meins“ hingegen trifft es auf den Punkt: alles kann, nichts muss. Wunderbar!

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