Carpe diem

Es kann so furchtbar entsetzlich schnell gehen.

Vor zwei Wochen ist der Vater meines Patenkindes gestorben. Mein Patenkind ist 15, der Bruder 14 Jahre alt.
Der Vater war lange sehr krank, aber dennoch: Es war viel zu früh.
Es ist immer zu früh.

Vor ein paar Tagen ist der Mann einer Freundin gestorben, einfach so, unerwartet, ohne Ankündigung.
Seine Kinder sind zum Teil jünger als meins.

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Mich beschäftigt das gerade sehr.

Manchmal denke ich an J., der mit mir im Orchester Fagott gespielt hat.
Er ist gestorben, als sein Kind gerade zwei oder drei war.
Oder an den anderen J., einen Studienfreund, der mit nicht mal 25 beim Klettern abgestürzt ist.

Jede(r) von uns kennt Menschen, die mitten aus dem Leben einfach so weggestorben sind.

Das Leben ist so wertvoll.
Wir sollten es mit wertvollen Momenten füllen.

Wenn das so ganz frisch ist wie gerade jetzt mit dem Mann meiner Freundin, dann überlege ich immer umso genauer, wie ich mein Leben gestalten will. Obgleich weder neu noch besonders originell, setze ich mir Ziele: Das Leben so zu leben, dass ich am Ende nicht denke, ich hab was verpasst. So viel zu lieben, wie ich kann, meine Tage so sinnvoll zu füllen wie möglich. Meinen Lieben so viele wertvolle Momente zu schenken wie es geht. Ich kann da echt Ehrgeiz entwickeln.

Und dann kommen sie heim, meine Lieben, und wollen erstmal nur in Ruhe gelassen werden. Wollen mit dem iPad auf dem Sofa rumgammeln oder mit der c’t am Schreibtisch. Wollen gar keine wertvollen Momente mit mir kreieren.
Und ich will manchmal eigentlich auch bloß meinen Stapel weiter abarbeiten und gar nicht inniglich sein. Die Arbeit, die ganzen Haushaltssachen, die Steuern und alles müssen ja gemacht werden, und es macht mich froh, sie zu erledigen.

Neulich kam ich wieder mal zu der Erkenntnis – ich weiß, auch sie ist nicht neu oder besonders originell – dass es wichtiger ist, den Alltag schön zu machen als zu versuchen, jedenAugenblick zu nutzen. Keinen Widerstand zu haben gegen ungeliebte Tätigkeiten. Das Besondere in jedem kleinen Moment zu sehen. Ich freue mich immer an den Schafen auf der Weide, am Morgennebel, an den Wildgänsen, die übers Dorf ziehen. Ich kann mich auch an der frischen Wäsche freuen oder an den Ordnern, die ich für unsere Kursteilnehmer zurechtgemacht habe. Und ich bin mir total sicher, dass es auch möglich sein muss, beim Zusammenstellen der Steuerunterlagen zu singen und wertvolle Momente daraus zu machen. Für mich.

Danach können wir dann immer noch rausgehen und Äpfel pfücken und zusammen sein.

Carpe diesen wunderschönen diem, wie immer er aussieht!

 

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