Catch ’em being good

Ich bin gerade sehr rührselig. Sehr dankbar. Sehr erfüllt.
Und ich muss ein Loblied singen.

Heute vor zweitausendeinhundertneunundsiebzig Tagen — oder so — kam mein Sohn in die fünfte Klasse. Ich sagte damals: „Ähm. Bist du sicher? Wir könnten doch statt dessen lieber um die Welt fahren.“
Aber er war sicher und total klar in seiner Entscheidung. Er hat sich diese eine einzige Schule angeguckt und gesagt: „Da will ich hin.“

Also ging er da hin.

Und dann folgten sechs Jahre Schule, die in diesem Fall hießen: sechs Jahre konstruktives Miteinander. Sechs Jahre nicht ohne Herausforderungen, aber immer mit dem Fokus auf das Gute. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Schulen, vielen anderen Stimmen in der Welt, vielen anderen Denkmustern, hat sich diese Schule auf die Fahnen geschrieben, gezielt „das Gute“ zu sehen und zu fördern und junge Menschen in die Welt hinaus zu lassen, die sich stark und aufrecht dafür einsetzen. Catch ’em being good — ertappt sie dabei, wie sie gut sind, anstatt immerzu an ihnen rumzunörgeln. Und das hat sich ausgezahlt.

Heute war die Abschlussfeier.
Nun ist meine Erfahrung mit Schulabschlussfeiern begrenzt, aber ich vermute, es gibt nicht so viele, bei denen die Klassenlehrerin vor dem gesamten Jahrgang und den Eltern mit der Schüler-Lehrer-Band ganz großartig singt. Es gibt wahrscheinlich noch andere, wo die Mütter versteckt ein bisschen heulen, aber vermutlich nicht so arg viele, wo es Standing Ovations für die Lehrer gibt.
Allein das zeigt, wieviel Kraft in diesem Ansatz steckt: CATCH THEM BEING GOOD!

Nicht alle haben das Glück, ihre Kinder einem solchen Lehrerteam anvertrauen zu können, das weiß ich. Aber was ich auch weiß: Der Fokus auf das, was man will, lohnt sich immer und überall. Gezielt das Gute zu sehen.
Ich habe anderswo den Term aus der Computerwelt dafür verwendet: WYSIWYG. What you see is what you get. Das, was du siehst, ist das, was du bekommst.

Bevor wir heute Morgen zur Abschlussfeier fuhren, war ich mit dem Hund draußen.
Der Hund fand eine alte Ente.
Der Hund aß die alte Ente.
Er dachte kein bisschen daran, auf mein Rufen zu reagieren. Er sah mich bloß an und fraß gelassen weiter.
Ich habe den Hund angeschrieen und war ziemlich stinkend sauer. Der Hund war auch ziemlich stinkend.
In diesem Augenblick sah ich nur ein renitentes Viech, das sich mir widersetzt und gleich das neue Sofa besudeln würde.
Ich hätte — hätte! — auch einen Hund sehen können, der seinem biologischen Programm gemäß draußen das Aas beseitigt. Hab ich in dem Moment nicht, aber der Gedanke daran half mir, kurz darauf wieder runterzufahren und das Stinkevieh wieder lieb zu haben. Eigentlich ist es nämlich ein echt cooler Hund, den ich ziemlich oft dabei „ertappe, Gutes zu tun“.

Die Jugendlichen, die da heute bei uns den Schulabschluss gemacht haben, fressen auch manchmal gelassen ihre Enten, um im Bild zu bleiben. Aber die Lehrer behalten immer den Fokus auf dem Positiven. Sie wissen immer um die gute Intention und darum, dass es nicht so einfach ist, erwachsen zu werden. Und dieses Verständnis hat eine unglaubliche Kraft.

Ich möchte daher ab sofort den 22.6. jedes Jahr zum offiziellen Catch ’em being good – Tag ausrufen. Für alle Eltern, alle Lehrer, alle Großeltern, überhaupt alle da draußen, die in irgendeiner Weise mit anderen fühlenden Wesen zu tun haben. Mögen wir uns immer daran erinnern, was für eine Power dahinter ist, wenn wir immer die gute Intention sehen und erwarten. (Ich bin mir bewusst, dass der Ausdruck „being good“ eine Wertung enthält und durch die deutsche Übersetzung „brav sein“ belastet sein mag. Ich mag ihn in dem Fall trotzdem, schlicht deswegen, weil er sehr eingängig und verständlich ist.)

„Das sind so großartige Kinder“, sagte der Lehrer meines Sohnes heute zu mir. „Die haben alle ein so gutes Herz.“
Und genau darauf kommt es an, oder?

In diesem Sinne: Feiert ihr ihn mit, den ersten offiziellen CATCH ’EM BEING GOOD Day?

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