Das Allgäu ist eine fiese, bergige Gegend

Augsburg → Kempten → Obergünzach → Lindau

28.04.19, abends

»Sagen Sie, wo ist denn die Sauna?«
»Gleich hier drüben. Soll ich die für Sie anheizen? Und hätten Sie gern einen Bademantel dazu? Ich werde Ihnen den Bademantel gern in Spind eins legen.«

Bayerischer Hof, Kempten. Es war ein Last Minute Superschnäppchen. Ich liebe ja schöne Hotels zwischendurch mal. Zum Frühstück am nächsten Morgen gab es frisch gepressten Apfel-Möhren-Ingwer-Saft und echten Obstsalat.

29.04.19

Fahrradfahren! Endlich! Freiheit! Glück! WInd um die Nase!
Es regnet, es ist kalt, aber das ist egal!
Gott, fühlt sich das gut an, in Kempten loszufahren zu Melanie nach Obergünzach.
19 Kilometer, sagte Google Maps. Ein Klacks.
19 Kilometer fährt man bei uns nach dem Abendessen vor dem Spieleabend. Bin gleich wieder da, macht schon mal den Wein auf.
19 Kilometer im Allgäu … was soll ich sagen? 19 Kilometer im Allgäu fährt man nicht mal eben nebenher. Ich habe keine Ahnung, wie viele besch*** Kilometer ich mein Monsterfahrrad im eisigen Regen bei Gegenwind besch*** Berge hochgeschoben habe. Das Runterfahren hatte dafür ein bisschen was von einer unkontrollierten Schussfahrt beim Abfahrtsski. Trotz Bremsen zeigte mein Tracker hinterher eine Höchstgeschwindigkeit von 39,1km/h.
Und für die nächsten Tage ist überfrierende Nässe angesagt.
Ich schätze, ich werde meinen Plan überdenken, Herbert und Doro zu besuchen und statt dessen das Allgäu fluchtartig verlassen, denn ich habe keine Spikes am Fahrrad.

Melanie hat eine Lesung in einem superschönen Raum organisiert, der Kapelle in der Montessorischule in Kempten (der/die aufmerksame Leser*in wird sich hier fragen, warum um alles in der Welt ich dann vorher nach Obergünzburg fahren musste. Ganz einfach: Um Melanie zu besuchen, die ich schon arg lange übers Netz kenne).
Obgleich die Osterferien erst seit einem Tag vorbei waren, kamen Menschen – und blieben nach der Lesung zu Gesprächen und Diskussionen. Es war ein gelungener Abend.

Und – keine Ahnung, ob es an dem gemütlichen Bett lag oder an dem Gute-Nacht-Spray oder an den bewältigten Höhenmetern – ich habe das erste Mal seit Tagen wirklich geschlafen.

30.04.19, morgens

Auf zu neuen Abenteuern!
Lindau wartet.
(Leider hat das Casino in der Woche kein Großes Spiel, sonst würde ich ja meine … ähm … reichhaltigen Einkünfte dort heute Abend großzügig beim Poker verdreifachen.)

„Nach Günzach ist es ein Klacks“, sagt Melanie. „Du musst nur diesen Berg hoch, und dann ist es eigentlich ganz einfach.“
Ich denke, ich sollte solche Themen am besten nicht mehr mit Menschen besprechen, die diese Landschaft gewohnt sind.
Es regnet, es ist kalt, ich hasse die Berge aus ganzem Herzen. Jeden einzelnen blöden Höhenmeter.
Auch wenn es hübsch aussieht. Malerisch.

Ich bin um kurz nach zwölf in Günzach am Bahnhof.
In Günzach am Bahnhof gibt es keinen Fahrkartenautomaten, und auch sonst nicht viel.
Aber eine nette, beinahe blinde Dame lässt mein Rad und mich als ihre Begleitung mitfahren, und wir unterhalten uns angeregt bis nach Kempten. Die Menschen sind sehr nett hier.
In Kempten will ich ein Ticket nach Lindau kaufen.
Den Zug, den ich nehmen wollte, gibt es irgendwie nicht, der nächste ist fahrradtechnisch ausgebucht. Also warte ich, was soll’s. Trinke ein Käffchen, esse ein Brötchen. Gehe dann irgendwann gemütlich zum Gleis, warte ein paar Minütchen und ignoriere die polaren Temperaturen, die mir unter die Kleidung kriechen.
„Der Zug nach Lindau hat ungefähr dreißig Minuten Verspätung.“
Na, dann. Ich überlege kurz, noch ein Käffchen und ein Brötchen … Aber dann bleibe ich einfach auf dem Bahnsteig stehen und friere vor mich hin. Ist ja nur ne halbe Stunde, und es gibt noch einen anderen Zug nach Lindau, der zwar, nach allem, was ich gehört habe, absolut katastrophale Einstiegsmöglichkeiten für Fahrräder hat, aber zur Not … Teufel, Fliegen und so.
Der andere Zug ist fahrradtechnisch ebenfalls voll belegt, also warte ich dann doch auf meinen, der mittlerweile eine 3/4 Stunde Verspätung hat.
Übrigens, ich weiß nicht genau, ob es für ganz Bayern gilt, aber das Allgäu ist, was die Kombi Fahrrad und Zug angeht, so ziemlich das Hinterletzte. Die Bahnsteige sind ungefähr einen halben Meter unter der ersten Stufe, und dann muss man das Rad – den Rollator, den Kinderwagen, was immer man so hat – von dort aus vier Stufen in den Zug wuchten. So etwa senkrecht nach oben. Meine Überzeugung, dass die Bahn Radfahrer hasst, verfestigt sich allmählich.
Anyway, ich nehme den nächsten Zug, und nach und nach taue ich auf, während wir durch malerische Landschaften rollern und holpern, Lindau entgegen. Der Sonne, dem Glück, der Seligkeit gerader Strecken entgegen.

30.04.19, später Nachmittag

Oh Gott, Lindau!
Was drei Grad mehr, ein paar schüchterne Sonnenstrahlen und glatt asphaltierte Radwege ausmachen können!
Wie wunderschön das alte Städtchen! Wie unglaublich wunderschön das Bodenseeufer!
Wie niedlich das Hotel! (Ist es echt. Es hat ein bisschen was von Boardinghaus, und mein Zimmer fühlt sich an wie ein amerikanisches Jugendzimmer, aber das Restaurant unten sieht toll aus, und sie haben Gin, und es ist WARM.)
Ich denke, ich werde jetzt einen Veggieburger im Hotelrestaurant zu mir nehmen.
Dann werde ich nach Lindau fahren, auf diesen glatten Wegen entlang, ich werde am Bodensee entlangschlendern und vielleicht ins Kino gehen. Und dann werde ich auf den glatten Wegen entlang zurück in das niedliche Hotel gleiten, fliegen, schweben und ganz wunderbar schlafen.
Vielleicht nehm ich vorher noch’n Gin.

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