Der Herr Winterhoff und ich

Gestern hatte ich das große Vergnügen, mich mit Michael Winterhoff in einer kurzen Radiorunde zu unterhalten.

Das Thema war: „Ratlose Eltern – oder panische Pädagogen?“

Die halbe Stunde war so erschreckend schnell vorbei. Ich konnte nicht die Hälfte – ach was, nicht ein Zehntel – von dem sagen, was ich hätte sagen wollen.

Herr Winterhoff hat, glaube ich, gesagt, was er sagen wollte.
Das war (meine Zusammenfassung):
Deutschland sei in der Krise. Nie zuvor seien so viele Kinder und Jugendliche schul- und ausbildungsunfähig gewesen. Die Psyche der Kinder reife nicht mehr aus, weil sie mit offenen Konzepten in Kindergarten und Schule überfordert seien und die Eltern ihnen keinen Halt gäben. Wir steuerten auf eine Katastrophe zu. Kinder bräuchten verlässliche Erwachsene als Bezugspersonen und Spiegel.

Klar stimme ich den Bezugspersonen zu.
Wer würde nicht zustimmen, dass Kinder verlässliche Erwachsene als Bezugsperson und Spiegel brauchen?
Das sage und schreibe ich ja seit Jahren.

Trotzdem will ich wissen, woher er seine Zahlen von den vielen schrecklich gestörten Kindern hat.
Denn es ist nicht so, dass sich mir dieser Gedanke nicht ab und an schon aufgedrängt hätte.
Wenn mein Vater fragt: „Sag mal, war dieses oder jenes bei euch auch schon so?“,
und ich bedenkenträgerisch mein Haupt wiege und antworte: „Nein, bei uns war das alles ganz anders.“
Oder wenn mir ein Freund erzählt, dass er keine tauglichen Auszubildenden mehr bekommt.
Es scheint also tatsächlich ein Problem zu geben.

Das wichtigste Wort dabei ist: SCHEINT.

Denn wenn man sich die tatsächliche Datenlage anguckt, wird sehr schnell klar:

Dass die Jugend von heute ein Problem ist, wissen wir nicht erst seit heute. 😉

Dazu gab es bereits 1958 eine Arbeit, in der 1300 Hamburger Kinder untersucht wurden. Ganzen 39% der Kinder wurde geistige Gesundheit attestiert. (Und wenn ich mir die wilden Geschichten aus der Jugend meines Vaters anhöre, dann kann ich mir gut vorstellen, wie die „Jugend von heute“ damals so war).

Die Gründe für die allgemeine jugendliche Unfähigkeit waren dieselben wie heute: „Von Harnack nennt auch die öffentlich diskutierten Gründe für die Symptome: „Reizüberflutung“, „Beschleunigung“, „eine verplante Kindheit“, den „Autoritätsverlust der Eltern“ sowie natürlich die Medien. Computer waren damit allerdings nicht gemeint.“ Sondern Comic-Hefte. (Quelle: dieser geniale Artikel von Martin Spiewak)

Mit diesem Wissen im Hinterkopf will ich von Herrn Winterhoff also wissen, wo seine Zahlen herkommen.
Das beobachte er in seiner Praxis, sagt er. Und er höre das immer wieder auf Tagungen der Industrie, zu denen er eingeladen wird.

Und weil er sehr gut und ohne Punkt und Komma reden kann und ich höflich und noch nicht so radioerprobt bin, hake ich in dem Moment nicht nach:
„Stop, ich rede von belastbaren Zahlen, nicht von persönlichen Eindrücken.“
Ich sage auch nicht, wie ich mir extra aufgeschrieben hatte, freundlich:
„Mit Verlaub, Herr Winterhoff, das stimmt doch so nicht.“

Wir sprechen weiter. Er spricht weiter.
Ich komm nicht dazwischen.

Ich denke die ganze Zeit:
Ja, natürlich gibt es diese Kinder, von denen Winterhoff spricht, die – aus welchen Gründen auch immer – Probleme haben.
Aber es gibt sie nicht in dem Maße, in dem er sie sieht.
Es ist nicht so, dass die Schulen von durchgeknallten Gestörten wimmeln würden.
Größtenteils sind das nette, gute Kinder. Wie wir damals.
Größtenteils machen Eltern einen großartigen Job. Wie unsere Eltern damals.
Da sind sich sämtliche seriösen Studien, die es dazu gibt, vollkommen einig.

Und:
Es hat immer eine gewisse Anzahl von Kindern gegeben, die durchs Raster gefallen sind. Das ist kein neues Phänomen.
Die Zahl der „kaputten“ Kinder ist in den letzten Jahren nicht etwa gestiegen, sondern eher gesunken.
Auch da sind sich alle seriösen Studien einig.

Es gibt Jugendforscher, die sprechen sogar von der Generation V – für Verlässlichkeit, Verantwortung, Vertrauen.

Als ich vor der Sendung nach Hamburg zum NDR rein fuhr, waren wegen des bevorstehenden HSV-Spiels sehr viele Jugendliche mit mir im Zug, und ich hatte immerzu meine Zahlen im Kopf.
Ich stellte – nicht zum ersten Mal – fest: Menschen sehen das, was sie glauben. Das, was sie sehen wollen.
Ich sah also einen ganzen Zug voll großartiger junger Menschen und freute mich.

Hätte ich aber vorher nicht den sperrigen dicken Wälzer von Martin Dornes gelesen, sondern Michael Winterhoffs subjektive Erkenntnisse aus seiner Praxis, hätte ich vermutlich übellaunig in genau denselben jungen Menschen eine Schar Verlierer mit unmöglichen Hosen und grausigen Frisuren gesehen.

Deswegen hätte ich das mit der Generation V so gern als Abschlusssatz gesagt.
Die Zeit hat nicht gereicht.

Aber mir bleibt als Erkenntnis:
Meine Wahrnehmung stimmt mit den Studien überein.
Die Kinder und Jugendlichen heute sind zum großen Teil richtig gut davor.

Herr Winterhoff und ich haben nach der Sendung gesagt, dass wir uns das nächste Mal mindestens zwei Stunden lang austauschen müssen.
Falls das je zustande kommt, freue ich mich drauf.

 

sokrates

3 Kommentare

  1. Chapeau, liebe Julia !
    Ich dachte bisweilen auch, er hätte Dich mal ausreden lassen können… teilweise hat er Dich ja regelrecht unterbrochen; soviel zu der Sache mit der Höflichkeit. Die Jugend lebt und lernt vom Vorbild, nicht wahr ;-). Ist halt die Frage, inwieweit Kinder nur für die Industrie „produziert“ werden.
    Danke für Deinen Einsatz, großes Kino.
    LG
    Lena

  2. Hallo Julia,

    toller Beitrag, der mir sehr aus der Seele spricht. Ich hatte das Thema auch vor einiger Zeit mal in einem Beitrag beleuchtet: http://place2grow.de/heutige-jugend-psychisch-gestoert/ … und war total erstaunt, wie hartnäckig und laaaange sich diese Haltung hält, dass die AKTUELLE Jugend der Untergang der Welt wäre 😀

    WIR sehen es anders – und ist prima 😉

    Fröhliche Grüße aus Düsseldorf,
    Ulrike

  3. „Die heutige Jugend ist von Grund auf verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird niemals so sein wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten.“
    Auf einer babylonischen Tontafel, 3000 vor Christus

    „Ich setze überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere heutige Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“
    Aristoteles (384-322 v. Chr.)

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