Der Sonne nach

Wildworldtour, Regensburg nach Salzburg

»Ich möchte gern auschecken«, sage ich zu dem Mann, der Dienst an der Rezeption hat.
Brummen. Sonst keine Reaktion.
Ich leg den Zimmerschlüssel hin. »Ähm. Kann ich auschecken, bitte?«
Jetzt schaut er doch auf. »Brauchen Sie nicht.«
Ähm. Denke ich dieses Mal nur. Ich will das Wort gesprochen nicht überstrapazieren. »Ich muss noch bezahlen.«
»Das haben Sie doch schon gestern Abend. Wir machen das immer beim Ankommen. Wir haben keinen Checkout.«
»Ich habe nicht bezahlt. Ich wüsste, wenn ich bezahlt hätte.«
Jetzt war er dran mit Verblüfftsein. Und ich dann auch.
Und mit Gerührtsein. Denn des Rätsels Lösung war: Sein Kollege, der nette Mann vom Vorabend, hat in dem ganzen Chaos mit meinem kaputten Rad und dem Stau und dem Zuspätsein einfach meine Rechnung von seinem Privatkonto bezahlt.
Wow.

Erst Ulli, dann der Hotelmann. Daniel heißt er, glaub ich.
Jedenfalls habe ich meinen Rechnungsbetrag an einen Daniel überwiesen.
Im Englischen gibt es für solche Handlungen den treffenden Begriff »Random acts of kindness«: zufällige, ungeplante Akte der Freundlichkeit.

Der Tag fing also gut an. Alles klappte. Ich checkte – wie gesagt – aus und fuhr zum Bahnhof, wo ich den ersten Zug in Richtung Salzburg bestieg.  Radwanderer-Erkenntnis des Morgens: die Deutsche Bahn mag Radfahrer nicht sehr. Ebenerdige Einstiege? Pffft! Sinnvolle Möglichkeiten zum Hinstellen?? Wer braucht das? Fahrradständer gar??? Aber ich kam nach mehrmaligem Hoch- und Runterwuchten des Monsterrades an.

Nicht in Salzburg, sondern – durchaus so geplant – 30km davor, in Fridolfing, mitten im Nichts.

Bereit, mich ins Abenteuer zu stürzen.
In Fridolfing gab es – ich hätte eigentlich damit rechnen müssen – keinerlei Funknetz. Aber die Sonne schien, ich konnte also ungefähr ausmachen, wo Süden ist. In diese Richtung fuhr ich. So umbeirum.

Und von dort dann halt immer der Sonne nach. Ohne Netz, ohne doppelten Boden. Ich fuhr durch Orte namens Engelschalling, Hipflham und Himmelreich.
Radwanderer-Erkenntnis Nummer zwei des Tages: Als Flachländer sollte man Berge und Höhenluft nicht unterschätzen. Halleluja. Zwischendurch dachte ich, ich kriege Höhenkrankheit, dabei war ich vermutlich gerade mal auf 500m.
Ich sonnenstandnavigierte mich also durch malerische Landschaften mit äußerst wenigen Menschen und fand dann irgendwann die alte Bundesstraße nach Salzburg.
Pünktlich zu dem Zeitpunkt sagte mein Handy, es sei jetzt überhitzt und würde den Dienst einstellen.
Letzten Endes kamen wir an, das Handy, das Fahrrad und ich. Man kann eigenartig persönliche Beziehungen zu Gegenständen entwickeln.

Meine Gastgeberin ist die Veranstalterin des Ostersamstagvormittags-Vortrags, Irina. Irina kenne ich, genau wie Mildi, schon gefühlte hundert Jahre übers Internet, und es war schön, ein Gesicht zum Namen zu bekommen.
Wir wollten gerade mit Kochen anfangen, da meldete sich Irinas Mann, er sei mit den Kindern im Biergarten. Also gingen wir zum Abendessen in den Biergarten an der Salzach antlang, durch dieses schöne Städtchen Salzburg.

Hier im Süden ist alles irgendwie ein bisschen satter und saftiger als bei uns. Die Pflanzen sind kräftiger, die Sprache dicker. Geerdet. Im Norden scheint es mir dagegen manchmal mehr so, als würde das Land eigentlich darauf warten, vom Sturm zerfasert zu werden. Hier ist es ganz und gar da. Satt und irden.
Entsprechend satt und irden war auch der Biergarten. Ich (=Nordländer) stellte mir unter Biergarten halt einen … na ja, einen Biergarten vor. Irgendwo in der Stadt in einem Innenhof, zehn Tische, Abendsonne, Bier.
Aber so ist das nicht in Salzburg.
Hier war der Innenhof gefühlt ein Marktplatz, überdacht von frühlingsgrünen Bäumen und gefüllt von so vielen Tischen und Menschen, dass man kaum einen Schritt vor den anderen tun konnte. Und alle, alle trugen sie Maßkrüge durch die Gegend. Aber das Spannendste waren die Trachten. Sich gegenseitig stützende Männer im Wiegeschritt, gekleidet in Lederhosen, Karohemden und Blumenwesten, die den Maßkrug sogar mit aufs Klo nahmen, dazu sehr fröhliche Frauen im Dirndl. Ich war fasziniert, und mir wurde zugesichert, dass das alles echte Menschen sind, keine Schauspieler für die Touristen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wir hatten Spaß und danach einen wunderschönen Abendspaziergang an der Salzach entlang nach Hause zu Irina. Es hat sich gelohnt, immer der Sonne hinterher zu fahren.

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