Der Tag, an dem ich Jürgen Trittin traf

Ich könnte auch über den verfressenen Hund des Mannes erzählen, der letzte Woche im Zug von Köln nach Hause neben mir saß. Der Mann saß neben mir, nicht der Hund. Und seinem Bauch nach zu urteilen, war er ebenso verfressen wie sein Hund. Noch viel verfressener als ich jedenfalls.

Aber die Zugfahrt ist ja gar nicht mein Thema. Sondern die Busfahrt vor zwei Wochen. Nic und Nora und ich hatten uns mit Herbert und seiner Frau getroffen um uns auszutauschen und Pläne zu schmieden (das war der offizielle Grund – in Wirklichkeit wollten wir bloß in der allgäuer Wildnis herumstreifen und danach gemütlich mit Tee und Rotwein zusammen sitzen).

Kind und Hund waren wieder mal allein zuhause, deswegen konnte ich keine Rücksicht auf mein Umweltgewissen nehmen und musste fliegen, um wenigstens vor Mitternacht zuhause zu sein (ich hab auch schon drei Bäume gepflanzt, ehrlich!). Friedrichshafen hat einen Flughafen, der etwa so groß ist wie der von Waggum – falls jemand den Flughafen von Waggum kennt. So, dass man es innerhalb von drei Minuten von der Eingangshalle durch die Sicherheitskontrollen zum Gate schafft. Vom Gate aus musste man aus unerfindlichen Gründen in einen Bus steigen, der dann die Passagiere ungefähr hundert Meter weiter zu diesem niedlichen kleinen Flugzeug gebracht hat.
Und da war er, im Bus neben mir.
Ein Mann, den ich irgendwie vage kannte. Ein Freund meines Vaters, dachte ich erst. Passt vom Alter, passt von der Art der Kleidung… Vielleicht hatte ich ihn auf einer Vernissage von Papas Bildern kennengelernt?
Aber so ganz, sagte mein Gehirn, passte das nicht. Vielleicht ein alter Lehrer aus der siebten Klasse oder so? Aber eigentlich erinnere ich mich an meine Lehrer.

Komische Sache.
Nach dem Ankommen war er dann schon wieder im Bus neben mir, und schon wieder lächelte er so freundlich, als würden wir uns kennen.

Hab ich erwähnt, dass ich redselig werde, wenn ich zu viel Kaffee getrunken habe?
Die Worte kommen dann einfach so aus mir raus, ohne dass ich sie kontrollieren kann. Und manchmal wünsche ich mir dann eine Sekunde später, dass sich der Boden neben mir auftun möge. Dann wären alle Leute ringsum mich rum so verblüfft von der plötzlichen Anwesenheit des Loches im Boden, dass niemand meinen Worten noch viel Aufmerksamkeit schenken würde. Meistens tun sich nur keine Löcher auf. Das Doofe ist, dass ich vorher weiß, was ich sagen werde, und dass ich auch vorher weiß, dass ich es nicht sagen sollte, aber irgendwie passiert es dann trotzdem.
Ich wusste also, dass ich den nett lächelnden Mann neben mir fragen würde: „Kenne ich Sie, weil ich Sie kenne, oder weil Sie berühmt sind?“
Ich ahnte auch, dass sich im Busboden vermutlich kein Loch auftun würde, aber die Frage kam dennoch aus meinem Mund.
Ich hatte im Flugzeug echt viel Kaffee bekommen.

In dem Moment, als ich fragte: „Kenne ich Sie, weil ich Sie kenne, oder weil Sie berühmt sind?“ wusste ich schon, dass er vermutlich berühmt war, dass mein kaffeeberauschtes Jetlag-Hirn ihn nur irgendwie nicht einsortieren konnte.
Er lächelte weiter und zuckte die Achseln.
Sind Sie berühmt?“ Herrschaftszeiten, ich konnte es auch nicht lassen.
„Naja, ich war mal Umweltminister.“
Oh Boden, tu dich auf! Schnell! Verschling mich – oder lenk die Leute ab!

Zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass er meinte, ihm würde das öfter passieren. Viele würden auch denken, er sei ihr alter Grundschullehrer. Na, also.

Weiterhin muss ich zu meiner Ehrenrettung vorbringen, dass mir das nicht so oft passiert, und wenn, dann nur, wenn ich ein bisschen lädiert bin. Wie vor… 20 Jahren oder so, als ich Kai Wiesinger beim Einkaufen traf und ihm begeistert zuwinkte, weil ich der festen Überzeugung war, ihn von der Party gestern Abend zu kennen.

Die Moral von der Geschicht?

Das menschliche Gehirn ist ein komisches Ding.

Es braucht Verknüpfungen, um Informationen richtig einordnen und zusammenfügen zu können. Hätte ich den Ex-Umweltminister in der Business-Class-Lounge getroffen (in der ich im Leben noch nie drin war), hätte mein Gehirn vielleicht mit der Zusatzinformation („wichtiger Mann“) die richtigen Schlüsse ziehen können. Aber da er so unauffällig neben mir im Bus stand und bei den Kurven genauso wackelte wie alle anderen, kriegte ich die Fakten nicht zusammengebaut. Obwohl ich sein Gesicht ja nun wirklich aus den Medien kannte.

Wir können uns Sachen nur merken, wenn sie einen nachvollziehbaren Zusammenhang und eine Bedeutung für uns haben. Wenn wir sie dann nicht mehr brauchen, werfen wir sie raus. Deswegen wusste mein Sohn vor 5 Jahren alles über Tut-anch-amun oder die Römer. Es hatte eine Bedeutung für ihn (er hatte spannende Hörbücher dazu).
Deswegen wusste ich außer über die französische Revolution und Napoleon und die Nazizeit NICHTS über Geschichte, weil diese Zeiten eine Bedeutung für mich hatten (ich hatte Romane drüber gelesen 😉 ) und die anderen nicht.
Bis heute kann ich manche blanken Fakten. Zum Beispiel weiß ich, dass drei-drei-drei (333 v.Chr.) bei Issos eine Keilerei war. Wer sich mit wem keilte und warum? Hannibal? Alexander der Große? Keine Ahnung. Ist das wichtig, um den Lauf der Dinge zu verstehen?

Deswegen bringen auch stundenlange Wiederholungen irgendwelcher zusammenhangloser Fakten bei den Hausaufgaben nichts. Entweder man interessiert sich für Sachen und versteht sie. Dann behält man sie. Oder sie gehen einem am A*** vorbei man interessiert sich nicht für sie und versteht sie nicht oder das Gehirn kann den Zusammenhang nicht herstellen. Dann behält man sie nicht oder kann sie nicht abrufen.

Und deswegen würde ich vermutlich Bildungsministerin werden eine Unterschriftenliste und Infoabende organisieren, sollte die Schule meines Kindes jemals auf die Idee kommen, Hausaufgaben einzuführen.

PS:
Ach so, und ja, das gilt auch für Einmaleinstabellen. Ich kenne einen Haufen Kinder, die sie mit 12 nicht konnten, nie „gelernt“ haben und trotzdem mit 16 drauf hatten. Lernen ist nicht linear.

 

 

2 Kommentare

  1. Meine liebe Julia,

    du hast so recht und du hast es so genau und gut auf den Punkt gebracht, wie es besser kaum geht! Wundervoll! Vielen Dank!

    Bianka

  2. Ah, es geht anderen Menschen auch so?

    Nicht nur das mit dem Kaffee und dem „ich sehe wie die Worte aus meinen Mund stürzen und ich sollte sie aufhalten – wenn ich nur könnte!“.

    Sondern auch das mit den Zusatzinformationen und dem Kontext.

    Erleichternd.

    Ich täte aber auch gern mehr vom Herbert, seiner Frau und eurem Treffen lesen!! 😉

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