Lasst sie raus!

 

Manchmal vergeht hier eine lange Zeit, bis klar ist, was gespielt wird.
„Nein, dazu habe ich keine Lust.“
„Diese Rolle passt mir nicht.“
„Ich möchte lieber was anderes spielen.“
Es ist nicht immer einfach, etwas zu finden, das allen passt, zumal die zu überbrückende Altersspanne (je nach Anzahl der Kinder) zwischen 3 und 6 Jahre ist.

Und wenn sie dann was haben, das ihnen gefällt, sind sie verschwunden und spielen. Wir hören ihre Stimmen, wir wissen so ganz ungefähr, wo sie sind. Sie wissen, dass jemand da ist, der ihnen helfen kann, falls sie jemanden haben wollen. Was nicht so oft vorkommt. Irgendwann kommen sie kurz rein, holen sich Wasser oder Obst und zischen wieder ab.

Das sind die Zeiten, in denen alle Beteiligten am glücklichsten sind. Die sich am richtigsten anfühlen.

Abends kommen sie und wollen Feuer machen.
„Legt los“, sag ich. „Ihr wisst ja, wie das geht.“
Ich mache Stockbrot-Teig.
Eins von den Kindern jagt Würstchen.

Dann sind wir am Feuer und erzählen und bereiten unser Essen zu.

Manchmal haben wir einfach unglaublich perfekte Tage.
Und ich glaube, ich weiß, wieso die sich so richtig anfühlen.
Wieso Spielen und Feuermachen, Freiwilligkeit und freundliches, respektvolles Zusammensein zwischen Erwachsenen und Kindern sich so GUT anfühlen.

Weil sie in uns verankert sind seit damals, als wir noch jagten und sammelten ( = als wir noch taten, wozu die Evolution uns vorgesehen hat).

In Jäger- und-Sammler-Gesellschaften schimpfen Eltern nicht, und sie bossen nicht rum. Sie verhängen keine willkürlichen Strafen, keine „Auszeiten“ und nutzen keine Sternchen-Belohnungs-Systeme. Das Zusammenleben wird als „nachsichtig, respektvoll und vertrauensvoll“ bezeichnet.

Keine Ahnung, wie das bei euch ist – hier klappt’s nicht immer zu 100% mit dem Idealbild, aber wir sind manchmal schon ziemlich nah dran. Wenn wir es erreichen, so, wie an dem Tag neulich, genießen wir es aus vollen Zügen. Weil es sich nämlich einfach richtig gut anfühlt, nett miteinander zu sein. Und frei.

In Jäger-Sammler-Gesellschaften gibt es keine Pflichten.
Kinder spielen.
Den ganzen Tag.
Jeden Tag.
In altersgemischten Gruppen zwischen 4 und ca. 17 Jahren.
Was spielen sie?
Baumklettern, Familie spielen, Bogenschießen, Höhlenbauen, Tiere spielen – all das, was wir als „typische“ Kinderspiele kennen. Es ist immer noch in uns drin.

Wir bereiten uns instinktiv immer noch auf das Leben als Jäger und Sammler vor.

Und das sollten wir wertschätzen!
Im Spiel lernen Kinder nicht nur, wie ihr Körper und die Umwelt funktionieren, sie lernen auch die Basis für repektvolles Zusammenleben. Die Szene, die ich eingangs beschrieben habe, wenn das Spiel herausgesucht wird, das allen gefällt, ist ein Paradebeispiel dafür, wie Konsensfindung gelernt wird. Sie finden am Ende immer einen Konsens. (Nebenbei: Wenn sie versuchen, das Thema „demokratisch“ zu regeln, wie ihnen das Gesellschaft in den letzten 10 Jahren beigebracht hat, funktioniert es nie. Der Überstimmte steigt grundsätzlich aus.)

Spiel zeichnet sich dadurch aus, dass es freiwillig ist. Dass man die Wahl hat, nicht mitzumachen.

Und sie lernen, ihre Wünsche auszudrücken, ohne die der anderen klein zu machen.

Und noch so vieles mehr. Wer des Englischen halbwegs mächtig ist, und 40 Minuten etwas wirklich Interessantes anschauen möchte, möge sich Peter Gray zu Gemüte führen (s. u.).

Wer des Englischen nicht mächtig ist oder keine Lust dazu hat, möge seine Kinder einfach raus lassen. (Ja, trotz Hausaufgaben. RAUS! Spielen!!!)
Und abends ein Feuer machen.
Und das Leben gemeinsam genießen.

Wir haben nur diese wenigen Jahre.

Peter Gray:

 

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