Lernen im Leben

Ich bin soooo stolz.
So, als hätte ich persönlich irgendwie was dazu getan.
So als wäre ich ihre Mama.
Dabei habe ich nur das unverschämte Glück, ihre Mama zu kennen und Gabi und ihre Geschwister zu den Freunden meines Sohnes zählen zu können und auch selbst sehr gern zu mögen.

Wenn man in Deutschland über das Thema Schulanwesenheitszwang Schulpflicht spricht, sind die Vorurteile groß, die Phantasie klein, und meist werden drei Argumente für einen Erhalt der Schulpflicht genannt:

  1. Was ist mit denen, die die Freiheit missbrauchen würden und ihren Kindern nix Anständiges beibringen?
  2. Wie soll man sich das leisten können?
  3. Wie soll man als Eltern diese wundervolle Bandbreite gewährleisten, die die Schule bietet – sowohl fachlich als auch an Möglichkeiten, unterschiedliche Menschen kennenzulernen?

Ich will zu Punkt 1 und 2 nur ganz kurz was schreiben und euch dann einfach ein bisschen von Gabi und dem echten Lernen im echten Leben erzählen.

Zu 1:
Die drei Leute, die eine Freigabe des Lernens missbrauchen könnten und ihren Kindern die Evolutionstheorie vorenthalten würden:
Was ist mit den betrunkenen Autofahrern? Nehmen wir deswegen allen den Führerschein weg, weil immer mal wieder ein Betrunkener ein Kind totfährt (was irgendwie bedeutend einschneidender ist als das Vorenthalten der Evolutionstheorie)?
Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen ganz klar, dass es immer nur eine sehr geringe Menge an Familien ist, die von der Freiheit Gebrauch machen, ihre Kinder ohne Schule lernen zu lassen. Und das sind nicht die, die ihren Kindern nicht das Lernen ermöglichen. Die echten Problemfälle fallen auch jetzt schon durchs Raster, die greift die Schulpflicht eh nicht.

Zu 2:
Sich das leisten können: So gut wie alle Homeschool-Familien, die ich kenne, nehmen bewusst finanzielle Einbußen in Kauf, um ihren Kindern optimales Lernen ermöglichen zu können. Es ist – nicht immer, aber durchaus oft – eine Frage der Prioritäten.

So.
Und nun zu 3.
Die Bandbreite.
Die Möglichkeiten.
Das Lernen.

Welches Kind ist nicht voll von Projekten und Ideen?
Wir haben hier zuhause meistens irgendwelche technischen Sachen, die mal eben entworfen und dann gebaut werden, weil sie eben gerade entworfen und gebaut werden müssen. So wie neulich, als es nötig war, für den anstehenden DJ-Job bei der Schuldisco mal eben einen Tisch zu bauen. Oder wie damals, als mal eben eine Gartenliege gebaut werden musste.
Oder Sport. Hier müssen auch viele Seile im Haus aufgehängt und viele Treppenlöcher erklommen werden.
Oder Flyer für die Feuershow gestaltet werden.

Leider geht das nur, wenn Zeit genug ist, zu entschleunigen, zu entschulen. Wenn noch Kraft da ist, nachdem der Vormittag in der Schule verbracht wurde.
(Ich bin eh voller Bewunderung für alle Kinder, die am Nachmittag noch irgendwas Kreatives machen können. Wenn ich mir vorstelle, ich hätte 13 Jahre lang jeden Tag 5 Stunden lang Schulungen, die ich mir nicht ausgesucht habe, über… sagen wir… Betriebssicherheit, SAP, Firmeninnovationen oder Firmenleitbilder – ich wäre innerhalb von spätestens drei Wochen nur noch Broccoli im Kopf.)
Die Website für die Feuershow zum Beispiel wartet deswegen auf irgendwelche Ferien. Die braucht ein bisschen Anlauf- und Bedenkzeit – und da ist es nicht gut, wenn der Arbeitsprozess jeden Morgen zwischen 8 und 15 Uhr unterbrochen wird.

Das Coole bei unbeschulten Kindern ist, dass sie IMMER ihre Projekte verfolgen können. Sie haben ZEIT.
Zeit für die Bandbreite, für die Möglichkeiten. Zeit für ihre Freunde. Zeit, sie selbst zu sein.

parkday

Ich denke an meine Freunde und die meines Sohnes in Kalifornien.
Kinder und Teenager, die ohne Schule lernen, und die kein Interesse daran haben, doof zu anderen zu sein, weil sie so begeistert von sich und ihren Projekten sind. Die dieses Gezecke und Gemobbe, das wir in Schulklassen als ganz normales Verhalten wahrnehmen, gar nicht kennen.

An die stille 13jährige Dagny, die Tochter meiner Freundin Harriet, die bei ihrer Bat Mitzvah eine so beeindruckende Rede gehalten hat.
Oder an Moira, 12, die im November beim NaNoWriMo – National Novel Writing Month – mitgemacht hat und jeden Tag um halb fünf aufgestanden ist, damit sie an ihrem Roman schreiben kann, bevor die kleinen Brüder aufwachen. Sie hat ihn fertig bekommen. 50.000 Wörter. Und er ist gut.
Oder an Henry, den eine Lehrerin als verhaltensauffällig einstufen wollte, weil er mit 5 nicht stillsitzen konnte, und der so liebevoll mit seiner kleinen Schwester umgeht und so wunderschön Klavier spielt und so gar nicht verhaltensauffällig ist. Oder an Henrys 15jährigen Bruder, der den Robotics-Kurs meines Sohnes geleitet hat und der ab nächsten Herbst aufs College gehen wird, nachdem er nie eine Schule von innen gesehen hat.
An Ashton, der so unglaublich gute Fotos macht und dem ein Wirtschaftsprofessor Privatstunden angeboten hat, weil so begeistert war, dass ein 14jähriger sich für Wirtschaft interessiert.

Ich denke auch daran, wie meine Freundin Lisa vor einiger Zeit erzählt hat, dass sie manchmal ganz zappelig wird, wenn ihre Tochter Gabi stundenlang in ihrem Zimmer sitzt und Musik macht anstatt Mathe.
(Woraufhin ich gesagt habe, dass Gabi einer der coolsten Teenager ist, die ich kenne. Das ist sie nämlich. Sie näht sich Kleider und spielt mit kleinen Kindern und ist freundlich und offen und näht Drachenflügel und ist – wie ihre Tante sehr passend geschrieben hat – „ruhig und ungerührt sie selbst“.)
Jetzt erzählte Lisa, wie Gabi vor einiger Zeit kam und fragte: „Hey, ich hab dieses Lied hier geschrieben, willst du es hören?“ Klar wollte Lisa, aber sie erwartete nicht viel, bis sie feststellte: „Wow. Das war GUT. RICHTIG gut.“
Eine Woche später hatte Gabi das zweite Lied fertig. Wieder erwartete ihre Mutter nicht viel, aber „es war fantastisch“.
Sie teilten die Lieder mit ihren Freunden – die sie auch fantastisch fanden (ich habe zwei neue Ohrwürmer!) und wiederum mit ihren Freunden teilten. Und dann fingen Leute an, die Lieder kaufen zu wollen.
Also verbrachte Gabi eine „Schulwoche“ damit, eine Website aufzusetzen, herauszufinden, wie sie ihre Lieder am besten online stellen kann, wie man Server upgradet und all sowas. „Deswegen gehen unsere Kinder nicht in die Schule“, sagt Lisa. „Damit sie Zeit haben für ihre Interessen.“
Hier ist Gabis Seite: http://gabriellabir.com/

Ich bin bolle stolz – und unendlich dankbar.
Dabei habe ich echt nichts dazu getan außer deutsche Weihnachtskekse zu schicken.

4 Kommentare

  1. Wow. Ist das gabi? Die is echt gut! Love, love, muchos!!! Bin schwer beeindruckt!

  2. Ich sauge solche Berichte förmlich in mich auf, doch sie machen mich auch immer wieder traurig. Weil ich meinen Kindern so etwas nicht bieten kann. Weil ich merke, wie sehr Schule sie verändert in eine Richtung, die ich nicht gut finde, die uns als Familie nicht gut tut.
    Sie hätten es beide so viel besser ohne den Schulzwang, da bin ich mir sicher.
    Ich weiß keine Lösung.

  3. Wow. wow. wow.
    (Wer weiß, was die Kekse bewirkt haben.)

  4. Ach Julia, Liebes,
    yes.
    Love.

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