Mama is warm, Mama is soft

Es ist total süß, das Video.
Es ist richtig knuffig und nett gemacht.
Und es bringt unglaublich gut auf den Punkt, was ich in Geborgene Babys
beschrieben habe:

Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Kat­ze. Diese Katze bekommt Junge. Was ist für die Jungen besser? Kat­zenmilch oder Hundemilch, die von Experten, die sich ge­nau mit Katzen und vor allem mit Finanzen auskennen, sorgfältig totge­kocht, mit künst­lichen Nährstoffen und Vitaminen angereichert, getrocknet und in Papp­schachteln gefüllt wurde? Wir haben eine Nachbarin, die einen Reit­stall be­treibt. Ich glaube nicht, dass sie auf die Idee käme, ihren Fohlen z.B. Elefanten­milch oder Schweinemilch zu füttern. Menschen­babys brau­chen Men­schenmilch. Und sonst nichts.

Ein etwas schales Gefühl bleibt

Wenn es so hübsch ist, warum habe ich dann trotzdem ein schales Gefühl am Ende?
Als da dieses Baby sitzt, allein mit seiner Flasche und der Pulvermilchpackung, und so verloren „Mama“ sagt, wird mir fast heulerig zumute.

Und zwar gar nicht mal so sehr, weil mir das Baby so Leid täte.
Sondern weil ich an meine Mama denke, die mich als Baby in ihren Armen gehalten hat, die mich geliebkost hat, die mir Wärme und Weichheit und Hautkontakt gegeben hat. Und die Flasche.

Weil ich an die Tränen einer Mutter beim Babymassagekurs denke, die wochenlang mit Zwiemilchernährung herumgedoktert hat, bis sie zugunsten der Flasche aufgab.
Weil ich an das Bild denke, auf dem mein kleiner Neffe seine Babyschwester mit der Flasche füttert.

Weil ich weiß, dass alle Eltern ihr absolut Bestes geben.

Natürlich macht Stillen das Leben in der Regel leichter und das „Bestes geben“ einfacher, schon aufgrund der Hormone, die dabei durch den Körper tanzen. Aber darüber habe ich mich an vielen anderen Stellen lang und breit ausgelassen. Ebenso wie viele andere Autoren und Autorinnen. Ich werde das auch weiterhin tun, und ich werde weiterhin versuchen, nach besten Kräften stillenden Müttern so gut es geht zu helfen. Denn sehr viele ungewollte Abstillgeschichten haben nach wie vor mit mangelndem Wissen zu tun. Und dagegen lässt sich etwas machen. 🙂

Hier und heute und nach dem Ansehen des unicef-Videos jedoch brennt es mir unter den Fingernägeln zu sagen, dass Flaschefüttern nicht gleichbedeutend sein muss mit weniger Körperkontakt und Geborgenheit. Flaschefüttern muss nicht bedeuten, dem Baby die Flasche in die Hand zu drücken und es dann wieder allein zu lassen, wie der Film suggeriert. (Ich weiß, dass das vorkommt. Das ist traurig. Ich weiß, dass es in Amerika sogar so Flaschenhalter gibt, damit man auch kleine Babys nicht beim Füttern in den Arm nehmen „muss“. Das ist noch trauriger. Aber es ist hoffentlich nicht der Regelfall.) Flaschefüttern kann sehr kuschelig sein, auch wenn man sich dafür vielleicht etwas mehr anstrengen muss als beim Stillen.

Meine Mutter nahm mich damals, nachdem man ihr, ohne sie überhaupt auch nur zu fragen, eine Abstillspritze gegeben hatte („Die ist zu klein, die können Sie nicht stillen“), zu sich und wärmte mich. Die Flasche bekam ich in ihrem Arm, an ihrer Brust. Meine Babywangen legte ich an ihre Haut.
Ob ich mit im großen Bett schlief, weiß ich nicht. Aber auch das ist natürlich mit Flasche möglich. (Wobei Ihr da nach aktuellem Wissensstand darauf achten solltet, das Baby wirklich im „Babybalkon“ zu haben, weil eben in dem Fall die Hormone nicht notwendigerweise für zusätzliche Sicherheit sorgen.)
Auch beim Tragen macht es keinen Unterschied, welche Nahrung ein Baby bekommt. Der Genussfaktor ist ganz genau derselbe – für beide Seiten.
Und auch den „Bindungsbaustein Windelfrei“ können Eltern von Flaschenbabys selbstverständlich ausprobieren.

Müttern, die bedürfnisorientiert mit ihrem Baby umgehen möchten und die Flasche geben, lege ich hiermit Nora Imlaus Das Geheimnis zufriedener Babys heiß ans Herz. Es enthält (neben viiiiieeeelen anderen wertvollen Informationen) zusätzliche Tipps dazu, und Ihr erfahrt auch, warum es schlau ist, möglichst lange Premilch zu geben und auf die allerersten Hungerzeichen des Babys zu achten.

 

Mehr „Hm…“

In der ganzen Stilldiskussion wird nur selten die Freude darüber erwähnt, wie phantastisch die Natur es eingerichtet hat, dass wir als Notprogramm eben auch mit der Milch einer anderen Art klarkommen und diese zum Wachsen und Gedeihen nutzen können.
Ja, es ist Milch, die eigentlich nicht zu uns gehört, ebensowenig wie Hundemilch zu Katzenbabys gehört. Dennoch gibt es auch in der Natur Muttertiere, die den Babys einer anderen Art als Amme dienen. Ziemlich häufig kommt es sogar vor, dass Hündinnen kleine Katzen säugen, die im selben Haushalt wohnen.
Ein Baby mit der Flasche zu füttern ist unter diesem Blickwinkel wesentlich weniger seltsam als als Erwachsener ein Käsebrot zu essen oder einen Milchshake zu trinken.

Was mich außerdem nach dem Ansehen des Videos sehr beschäftigt, ist, dass in der ganzen glücklich-wilden Waldwelt, die unicef so unglaublich entzückend und herzerwärmend gemalt hat, ausgerechnet diese eine Tierart fehlt: die Kühe. Die, denen wir die Milch wegnehmen. Denen wir die Babys wegnehmen.

Ich glaube, ich hoffe, dass ich, falls ich aus irgendwelchen Gründen nicht hätte stillen können mich dafür entschieden hätte, meinem Baby demeter-Milch zu geben. Weil die demeter-Kälbchen ihren Mamas wenigstens nicht gleich nach der Geburt weggenommen werden, sondern ein paar Wochen bei ihnen bleiben dürfen.

Wie wenig ein paar Wochen sind, weiß ich immer, wenn ich sehe, mit welcher Inbrunst die Frühlingsbabys aus unserem Dorf trinken. Sie werden das weiter tun, so lange sie mit ihren Müttern auf der Weide stehen.

 

Fazit

Was ist mein unicef-Fazit?
Ich finde das Video nach wie vor entzückend.
Ich werde nach wie vor immer wieder sagen, dass Flaschenmilch nur ein Notprogramm ist, dass Stillen wesentlich besser ist für Baby, Mama, Kühe, Kälbchen und die CO2-Bilanz.
Ich werde nach wie vor Eltern nach Kräften unter die Armen greifen, die stillen möchten.
Und ganz genauso denen, bei denen es nicht geklappt hat, die aber dennoch mit ihrem Baby möglichst „artgerecht“ und bindungsorientiert umgehen wollen.

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2 Kommentare

  1. Ich denke, dass die Macher des Videos sich dieser Einwände bewusst sind. Das Video richtet sich ja nicht an die Mütter, die gegen ihren Willen Abstillen mussten, sondern an jene, die aus falsch verstandener Bequemlichkeit oder weil sie in einer stillfeindlichen Gesellschaft leben, die Flasche vorziehen, obwohl sie hätten stillen können.
    Es gibt ja durchaus Länder, in denen weniger als ein Viertel der Babys gestillt wird und schon im Krankenhaus Milchpulverproben verteilt werden. Ich glaube, Mexico oder eins der südamerikanischen Länder ist so ein Fall.

  2. Liebe Julia, danke für deine interessanten Texte. Die Inhalte zu artgerecht bestärken mich im Alltag mit meinem Baby sehr und inspirieren mich oft zum weiter recherchieren. Mein extrem frühgeborener Sohn stillt zwar vor jeder Flaschenmahlzeit und manchmal zur Beruhigung an der Brust, die Milch fließt aber nur noch tröpfchenweise. Welche Studie besagt denn, dass das Familienbett in diesem Fall unsicherer ist? Die Begründung klingt logisch für mich, aber in der Umsetzung hab ich noch keine Gefahr gespürt (das Beistellbett dient bei uns eher als Ablage). Die Frühgeborenheit ließ mich sehr sensibel für Atem, Temperatur und Schlafphasen werden. Ich kenne jedoch nicht den Unterschied zur vollgestillten Schlafsituation..

    Ich bin außerdem immer wieder auf der Suche nach Texten zur Flaschenfütterung aus bindungsorientierter Sichtweise. Oft fühle ich mich nicht berücksichtigt oder weniger Wert, wenn es um Stillthemen geht. Ich würde mich freuen, wenn mehr Erfahrungen zu „Brust geben“ neben der Flaschenfütterung öffentlich würden. So wie du es von deiner Mutter beschreibst.

    Die Studienlage zur künstlichen Säuglingsnahrung ist zudem auch nicht befriedigend und Informationen zu Nahrung auf pflanzlicher Basis (Reismilch etwa, in Frankreich beziehbar u sehr kostspielig) sind rar. Wenn du also jemanden kennst, der sich damit beschäftigt…

    Danke für deine liebevolle Arbeit!
    Sabrina

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