Meine kleine Eiger-Nordwand

  • Wildworldtour: Konstanz -> Wuppenau -> Winterthur

03.05.19, vormittags in Konstanz

So langsam setzt die Erschöpfung ein. Ich mag keine Städte mehr angucken. Ich mag ein Bett, mein Zuhause; ich mag in meinem Garten liegen und schlafen, und ab und zu stupst mich der Hund an, oder die Katze schnurrt um meinen Kopf. Natürlich scheint die Sonne, und die Vögel zwitschern.
Und während ich das schreibe, denke ich gleichzeitig, wie unglaublich gut ich es habe, wir es haben. Denn ich mache das hier freiwillig. Ich KANN nach Hause, wenn ich will. Mein Zuhause ist zu keiner Zeit mehr als 12 Stunden entfernt.
Und dennoch bin ich erschöpft.

Ich nehme an, Konstanz ist eine gute Stadt. Es ist eine Studentenstadt, die pulst vor Leben, Fahrrädern, Kultur und wirklich schönen Geschäften. Aber … ich mag nicht mehr.
Ich gehe zu dm, kaufe Shampoo, Zahnpasta und Kontaktlinsenflüssigkeit, und meine Füße tun weh. Ich schlurfe weiter durch den Nieselregen zu Karstadt und kaufe einen Adapter für die Schweiz.
Immer noch drei Stunden, bis Karin, meine Gastgeberin und Veranstalterin für heute Abend, mein Gepäck abholt (damit die Berge nicht so wehtun).
Im Buchladencafé ist es einigermaßen leise. Ich sitze rum, schreibe eine Mail an meine Agentin, müsste eigentlich Interviewfragen beantworten und bekomme es nicht hin, beim besten Willen nicht. Akku leer. Kopf leer. Kommt nichts raus.
Zweieinhalb Stunden noch.

03.05.2019, abends, Wuppenau – fünfhundert kalte, nasse Höhenmeter später

Es ist erstaunlich, was Menschen leisten können, immer wieder, selbst untrainierte Flachländer wie ich. Ich boykottiere inzwischen recht konsequent jeden Berg, der auch nur minimal höher oder steiler ist als unsere Kanalbrücke zu Hause. Ich muss niemandem etwas beweisen. Und ob ich in eisigem Regen und nass bis auf die Haut das Rad schiebe oder fahre … Schneller bin ich durchs Fahren dann auch nicht.
Das wirklich Gemeine ist, dass nicht mal das Runterfahren wirklich gut ist, weil man a) weiß: Jeden Meter, den ich jetzt runterfahre, muss ich nachher wieder hoch, und b) es schlicht viel zu steil ist, um sich ungebremst und genüsslich rollen zu lassen.


Nachdem ich mir ein wenig – okay, ziemlich viel – leid getan hatte, dachte ich: Nützt ja alles nix. Leute klettern auch auf die Eiger-Nordwand. Da isses kälter, nässer und steiler als hier. Menschen überleben das.
Und ich habe immer die Aussicht auf eine warme Dusche.
Und das krasse Gefühl von: ICH HAB DAS GERADE ECHT GESCHAFFT.

In Karins und Bryans kleiner Brauerei – ich habe nie vorher so leckeres Bier getrunken! – habe ich die erste Lesung meines Lebens aus meiner Krimiromanze STOLEN HEART (ehemals LONDON HEIST)  gehalten. Es war grandios. Ich war betrunken, die Gäste waren betrunken, und ich liebe dieses Buch so sehr. Ich werde ab sofort nur noch Lesungstermine in Brauereien im Nirgendwo annehmen.
Hinterher saßen wir zusammen, und alle um mich herum redeten in fremden Zungen, und es war fast ein bisschen wie in Holland.

 

04.05.2019, Eiger-Nordwand, die zweite

Fahrradfahren, um anzukommen, ist doof.
Ich denke, ich sagte es: Termine und Radfahren schließen sich einigermaßen aus, zumindest, wenn man nicht sonderlich trainiert ist. So wie ich also.
Heute Morgen: Wuppenau -> Winterthur. 35km. Eigentlich nicht weit, und immer abwärts. Auf Google Maps sah das ganz leicht aus. Immer nur runter halt. (Also, fast.) Google Maps hatte leider keine Ahnung vom Gegenwind. Ich hatte die Wahl zwischen nass werden und immerhin im gefühlten Schrittempo vorankommen oder Regencape anziehen und den ganzen Weg zurück nach Wuppenau gedrückt zu werden. Ich hatte ziemlich mörderische Gedanken gegenüber dem Wind und den Bergen, alternierend mit Jubelgesängen, wenn es dann doch mal leicht ging oder für drei Sekunden die Sonne rauskam.

Oh, und ich habe einen Esel gesehen.

Am frühen Nachmittag war ich bei meiner Gastgeberfamilie in Winterthur, Désirée und Chya mit ihren Kindern. Zeit genug, eine heiße Dusche zu nehmen und zehn Minuten zu schlafen. Um 16:00h war der Vortrag in dem wirklich beeindruckenden Laden von Herz an Herz. Und, oh mein Gott, waren viele Menschen dort! Guter Vortrag (zumindest ich war zufrieden), ich glaube, glückliche Zuhörer, und als ich zurück in die Wohnung kam, hatte Chya ein unglaublich leckeres Thaigemüse gekocht. Jetzt sitze ich satt und zufrieden in diesem beneidenswert klaren und schönen Wohnzimmer und bin glücklich. Ich hab das echt geschafft bis hierher. Krasse, krasse Sache.
Trotzdem werde ich morgen mit dem Zug nach Brugg fahren.
Und übermorgen werde ich mit dem Zug von Brugg nach Basel fahren, und das erste, was ich dort tun werde, ist: Ich werde über die Grenze fahren und von der ersten deutschen Post aus gnadenlos alles nach Hause schicken, was ich nicht unbedingt brauche.

Keine einzige Eiger-Nordwand mehr für mich. Ab sofort Radfahren um des Fahrens willen, nicht mehr, um anzukommen. Und nicht mehr bei Eisregen, ich Memme.

Ach so, und der Winsener Anzeiger hatte einen netten Artikel über meine Radtour und die Augsburger Allgemeine auch, sogar schon den zweiten.

Kommentare sind geschlossen.