Wir haben nur 10 Jahre

 

Am Fachwerk, da, wo ich immer Kniebeugen mache, während der Mixer meinen grünen Smoothie mixt (Kniebeugen mit Festhalten, sonst kipp ich nach hinten um 😉 ) hängt derzeit ein Ausdruck aus dem Internet.
Es ist ein Ausspruch des amerikanischen Schriftstellers Jack Kerouac: „Denn am Ende wirst du dich nicht an die Zeiten erinnern, die du im Büro gearbeitet oder den Rasen gemäht hast. Geh und steig auf den verdammten Berg.“

In meinem Fall ist der Berg die Familie.

Natürlich – ja! – es ist wichtig, dass ich meine Steuererklärung abgebe, meine Buchhaltung auf dem Laufenden halte und all das. Aber am Ende meines Lebens, wenn ich zurückschaue, werden das nicht die Dinge sein, die zählen.
Und am Ende der Kindheit meines Sohnes – die nicht mehr allzu fern ist – werden zwischen uns die Zeiten wichtig sein, die wir gemeinsam verbracht haben.
Die Zeiten, in denen wir zusammen auf dem Wohnzimmerfussboden gesessen und Lego gebaut haben.
Die Zeiten, in denen wir zu dritt auf dem Sofa gelümmelt und stundenlang vorgelesen haben.
Die Zeiten, in denen wir gemeinsam Dinge erschaffen haben, in denen wir gereist sind oder einfach nur irgendwie umeinander herum waren, jeder mit seinen Projekten beschäftigt.
Es wird KEIN BISSCHEN wichtig sein, ob er rechtzeitig zur Schule gekommen ist oder das Finanzamt eine Mahnung geschickt hat.
Aber es wird wichtig sein, ob ich ihm in Ruhe zugehört habe, wenn er mir von den Dingen erzählt, die für ihn Bedeutung haben.
Es wird einen Unterschied machen, ob wir einander unsere Herzen geöffnet haben.

Als mein Baby klein war, hörte ich immer wieder: „Ich schaffe NICHTS mehr!“
Worauf meist ich oder jemand anders antwortete: „Dein Baby ist nur so kurz klein. Genieße einfach die Zeit. Sie ist so schnell vorbei.“
(Wenn ich selbst jammerte, wollte ich solche Schlausprüche natürlich nicht hören – schließlich wollte ich jammern und nicht beschlaumeiert werden. So aus der Entfernung von 12 Jahren finde ich aber, dass alle die Recht hatten, die mir das damals sagten, und die ich dann auch stets gern zitierte – egal, ob mein Gegenüber das hören wollte oder nicht 😉 )

Als mein Sohn größer wurde, erkannte ich, dass zumindest für mich dieses „nur so kurz“ auch weiterhin gilt. So intensiv haben wir nur diese kurzen 10 oder 12 Jahre zusammen. Sie sind so schnell vorbei.

Jesper Juul, der Kluge, sagt, dass nach 10 oder 12 Jahren der Zug für die Erziehung im Wesentlichen abgefahren ist. Ich tendiere dazu, ihm zuzustimmen. Vermutlich hat man als Eltern danach nicht mehr besonders viel Einfluss auf die Entscheidungen seiner Kinder.

Was aber viel wichtiger ist – und ich bin mir sehr sicher, dass das länger wichtiger ist als die ersten 10 Jahre – ist: Wir können immer aktiv an der Beziehung arbeiten.
Wenn wir in den ersten 10 Jahren nicht grob was falsch gemacht haben, wenn wir signalisiert haben, dass wir da sind, dass wir Interesse haben – dass wir lieben – dann werden wir auch nach 10 oder 11 Jahren noch Dinge finden, die uns miteinander Freude machen.

In unserer Familie war es nie (naja, oder nur selten 😉 ) so, dass wir die „Eltern“ waren und unser Sohn das „Kind“. Wir waren immer einfach drei Menschen, die zusammengelebt haben. Das wird auch weiterhin so sein.
Vielleicht müssen wir demnächst noch ein bisschen häufiger über den Musiksender diskutieren, aber im Wesentlichen gehe ich davon aus, dass wir uns auch in 10 Jahren noch – oder wieder 😉 – lieben und wertschätzen werden.

Aber die Kindheit ist dann einfach vorbei.

Deswegen bin ich JETZT da.
Deswegen machen wir JETZT Reisen und warten nicht bis ins Rentenalter.
Deswegen gehen wir JETZT ins Kino oder in den Wald.

Wie ist es bei euch?
Was ist bei euch JETZT wichtig?

2 Kommentare

  1. Bei uns ist es genauso. Wir gehen JETZT in den Wald, wenn die Sonne scheint. Wir bauen JETZT die Kugelbahn. Wir kuscheln JETZT – egal, was auf der To-Do-Liste gerade vor sich hin rottet. Und manchmal denke ich, ja, das Artgerecht-Projekt könnte NOCH mehr abheben, wenn ich härter dran arbeiten würde, aber dann ruft das Kind und ich denke mir, hey, er will JETZT mit mir einen Hubschrauber bauen und nicht in zehn Jahren… :). Danke für deine Worte!

  2. Pingback:Lasst sie endlich wieder raus! | Offizielle Webseite von Julia Dibbern | Geborgene Babys

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