Radikale Freiwilligkeit

„Wie macht Ihr das mit der Schule?“, gehört zu einer der häufigsten persönlichen Fragen, die ich gestellt bekomme. Als ehemalige Verlegerin von Stefanie Mohsennias Schulfrei und Jan Hunts Freilerner-Buch kann ich kaum einen Hehl daraus machen, dass ich die Institution Schule in der heutigen Form nicht für eine der weltbesten Erfindungen halte.

Wie also machen wir das mit der Schule?

Vergleichsweise einfach. Die ersten vier Jahre hatten wir das Glück, dass das Kind eine sehr kleine, sehr freie, sehr unschulige Schule besuchen konnte. Wir konnten guten Gewissens sagen: „Wir sind Unschooler.“ Dann kam der Punkt, als er sagte: „Mama, ich will in eine richtige Schule. Ich will wissen, wie das da ist.“

Also geht er in eine „richtige“ Schule. Mit dem gleichen Enthusiasmus, mit dem er vorher alles über Tutanchamun und Gagarins Weltraumflug und die alten Römer gelernt und verinnerlicht hat, lernt er jetzt „Schule“. Freiwillig. Weil er das möchte.
Und das ist meiner Meinung nach das, was den ganz großen Unterschied macht.
Freiwilligkeit.

Er hat sich eine – soweit das im Rahmen des Schulsystems möglich ist 😉 – echt coole Schule rausgesucht, in der phantastische Menschen arbeiten, die mit Liebe und Herzblut bei der Sache sind, und die – das ist das Wichtigste – die Kinder respektieren und ernst nehmen. Es gibt dort keine Hausaufgaben und für viele Eltern zu viel Freiwilligkeit („Hört sich an wie eine Warmduscherschule“, sagte mir neulich eine Mutter).

In meinem letzten Eintrag habe ich darüber geschrieben, warum sich „Wildnis“ unter anderem für uns so gut anfühlt. In „Wildnis“ – wie in Jäger-und-Sammler-Leben – enthalten ist implizit auch Freiwilligkeit.
In Jäger-und-Sammler-Gesellschaften (und wir sind ja von Natur aus immer noch Jäger und Sammler) gehen Kinder nicht in Schulen.
Die Erwachsenen lernen sie an, und zwar kurz vor dem Erwachsenwerden.
Wenn einem Dinge wichtig sind, wenn sie bedeutsam für das eigene Leben sind, wenn man dadurch etwas zum Allgemeinwohl beitragen kann, kann man sehr vieles in sehr kurzer Zeit lernen.

Immer nur freiwillig kann nicht funktionieren, höre ich oft.
Meine Antwort darauf besteht meist in der Frage: „Wieso nicht?“
„Naja, man muss doch auch mal was Unangenehmes machen!“

Dazu fällt mir erstens wieder „Wieso?“ ein und zweitens die wunderbare Stunde, die wir kürzlich im Regen in der Kälte verbracht haben, weil die Jungs unbedingt einen Nerf-Gun-Agenten-Film drehen mussten. Keiner von uns war passend angezogen – ich (=Kamerafrau) nicht, weil ich zu faul war, meine Regenjacke rauszusuchen, die Jungs nicht, weil es nicht zum Film gepasst hätte. Und es war echt saukalt. Man kann also nicht sagen, dass es angenehm gewesen wäre, im kalten Regen zu stehen und zu filmen (respektive „erschossen“ zu werden und von ausrangierten Anhängern zu fallen). Aber es irre Spaß gemacht!
Das passiert beim Spiel, also wenn etwas freiwillig geschieht.
Beim Spielen ist nicht alles angenehm. (Wer mal im Frühling im Regen im Klettergarten war und sich freiwillig eine senkrechte Strickleiter hochgequält hat, um sich dann mit eisigen Fingern in 7m Höhe irgendwelche wackeligen Balken entlangzuhangeln, weiß, was ich meine.) Aber es ist immer freiwillig.
„Im Spiel“, sagte Peter Grey in seinem Vortrag (den ich im letzten Artikel verlinkt habe), „kann selbst ein Kind mit ADHS eine Stunde lang bewegungslos stehen.“

Und dazu noch lernen wir im Spiel Glück. Wir trainieren und programmieren unsere Gehirne auf „Glück“ und „Selbstwirksamkeit“.

Aber man braucht doch auch Regeln.

Ja. Braucht man. Regeln gehören zum menschlichen Zusammenleben. (Oder sogar zum säugetierischen Zusammenleben? oder sogar ganz allgemein zum Zusammenleben?)
An Regeln ist nichts verkehrt, solange sie nicht willkürlich, diktatorisch von oben verhängt werden.

Und das Feine ist:
Wenn das Leben SPIEL ist – wenn es freiwillig ist – dann hält man sich an die Regeln. Im Spiel werden zwischen den Spielern Regeln festgelegt, an die sich alle halten. Regelübertritte finden erst dann statt, wenn die Freiwilligkeit nicht mehr gegeben ist.

 

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