Rechtschreibkatastrophe? Bildungskatastrophe!

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Lieber Spiegel,

schade, dass dein Artikel über die Rechtschreibkatastrophe journalistisch so gar nicht geeignet ist, mich zu überzeugen. Reißerisch, einseitig und insgesamt mehr auf Wirkung als auf Inhalt ausgelegt.

Graphisch erfreulich die Diktat-Ausschnitte am oberen und unteren Rand des Artikels. Der obere angeblich ein Ausschnitt aus einem Diktat von heute, der untere von einem gleichaltrigen Kind von 1977. Das hätte ich gewesen sein können. Ich war eins dieser schlauen Kinder, die von Anfang an schreiben konnten. RICHTIG schreiben. Ich hatte gute Förderung zuhause, und ich mochte Buchstaben. Ich mochte es, meinem Lehrer zu gefallen, still zu sitzen und vor mich hin zu pruckeln. Klischee-Mädchen.

Neben guter Rechtschreibung – und versteh mich nicht falsch, lieber Spiegel, ich liebe Rechtschreibung! – habe ich in diesen frühen Schuljahren vor allem auch gelernt – oder hätte lernen sollen:

  1. Es gibt Dinge, die richtig und Dinge, die falsch sind. Falsch ist schlecht. Fehler sind verboten.
  2. Es gibt wertvolle und nicht so wertvolle Leistungen. Rechtschreibung gehört zu den wertvollen.
  3. Gute Zensuren sind wichtig. Um die zu bekommen, muss man das machen, was von einem erwartet wird.
  4. Lernen ist quantifizierbar.
  5. Und das ist am schrecklichsten! Es gibt schlaue Leute und dumme Leute. Schlaue sind besser.

Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Vor allem Punkt 5 geht GAR NICHT.

Auch die anderen Punkte finde ich mehr als fragwürdig. DAS ist eine Katastrophe!
Alle Welt beschreit die schreckliche mangelhafte Bildung und das Desinteresse der Jugend. Bildungskatastrophe.
Ehrlich?
Ich finde, es ist eine Katastrophe, welche Werte teilweise heute noch in den Schulen weitergegeben werden!

Wer sagt z.B., dass Rechtschreibung wichtiger ist für das Lebensglück oder den gesellschaftlichen Beitrag als die Arbeit als … sagen wir Feuerwehrmann?
Ken Robinson, der Kluge, erzählt gern die Geschichte eines jungen Mannes, den er nach einem Vortrag getroffen hat.

„Was machen Sie beruflich?“, hat Robinson gefragt.
„Ich bin Feuerwehrmann.“
„Wow. Wie lange wollten Sie das schon werden?“
„Immer schon“, sagte der junge Mann. „Seit ich ein Kind war.
Aber alle haben sich darüber lustig gemacht.
Mein Lehrer hat gesagt, ich würde mein Talent vergeuden.
Letztes Jahr habe ich ihm das Leben gerettet.
Ich glaube, er denkt jetzt besser von mir.“

Dieser junge Mann hat sein Lebensglück gefunden. Als Feuerwehrmann. Das ist toll! Vielleicht kann er nicht richtig schreiben (vielleicht doch 😉 ), aber er kann auf jeden Fall Menschen das Leben retten. Und er tut etwas, das ihm selbst etwas bedeutet.

Begabungen sind verschieden, und das ist gut so.

Manche Menschen können schreiben.
Andere können Sachen bauen.
Wieder andere können singen.
Oder Computer programmieren.
Oder die große Übersicht behalten.
Oder sich besonders schön bewegen.
Oder Menschen heilen.
Oder Tiere verstehen.
Oder Feuer löschen.

Eine Gesellschaft braucht das alles.
Wieder ist es Sir Ken Robinson, der es besonders gut ausdrücken kann. Falls du seinen berühmten Vortrag noch nicht gesehen haben solltest, lieber Spiegel, empfehle ich dir, 20 Minuten damit zu verbringen, ihn anzusehen. Es gibt deutsche Untertitel. (Wobei der, der die Untertitel gemacht hat, auch ein bisschen Rechtschreibtraining gebrauchen könnte… 😉 )
Ach so, und Weihrauch heißt übrigens auf Englisch „Frankincense“ – wenn man das nicht weiß, versteht man den einen Witz nicht.

Ebenso wie eins meiner Schreibhefte hättest du, lieber Spiegel, für deinen unteren, den richtigen, Diktat-Ausschnitt, ein beliebiges Schreibheft einer Klassenkameradin meines Sohnes nehmen können. Auch heute gibt es Kinder, die es lieben, richtig zu schreiben. Denk mal.

Der obere Diktat-Ausschnitt hätte von meinem Sohn sein können. Der kann sich unglaublich gut Sachen merken. Er kann Zusammenhänge blitzschnell erkennen, die mir mein Leben lang verborgen bleiben werden. Er kann singen. Er hat so viele Melodien und Texte im Kopf! Er kann Baumhäuser bauen und auf dem Computer fast perfekte Präsentationen über sein Lieblingsthema erstellen. Er kann so viel. SO WHAT, wenn er mit 11 nicht so schreiben kann wie ich das mit 11 konnte! Das heißt doch nicht, dass er das mit 18 nicht kann.
Das heißt nur, dass er in einer anderen Reihenfolge lernt. Lernen ist nicht linear.
Und es ist wesentlich effektiver, wenn man Dinge lernt, die man liebt.

Der obere Diktat-Ausschnitt hätte ebenso – jawohl, auch 1977! – von meinem Sandkastenfreund – ich nenne ihn mal Tom – sein können. Tom konnte, als wir Babys waren, nicht so früh sprechen wie ich, er konnte nicht so richtig schreiben wie ich, er bekam in der Schule nicht so viele Smilies und „Sehr fein“s. Er war also nicht so schlau?
Ich weiß nicht. Er konnte sich viel besser bewegen als ich. Er konnte Sachen bauen. Nach dem Gymnasium wurde er Tischler. Heute lebt er in Kanada. In den Bergen. An einem wunderbaren klaren Bergsee. Glaubst du, er ist weniger glücklich als ich? Glaubst du, er trägt mit den Möbeln, die er baut, weniger zur Gesellschaft bei als ich mit den Büchern, die ich schreibe?

Wie gesagt, Spiegel, dein Rechtschreibartikel holt mich nicht vom Hocker. Ich befinde mich in guter Gesellschaft, wie der Artikel „Die Journalismus-Katastrophe“ von Juliane Goschler zeigt: KLICK. Sie weist unter anderem darauf hin, wie viel mehr zu gutem Deutsch gehört als nur Rechtschreibung.

Umso erfreuter war ich, als ich aktuell ein Interview mit dem im Rechtschreibkatastrophen-Artikel verrissenen Hans Brügelmann las.
Im Spiegel. Fein gemacht.
Sternchen.
Eins.

 

 

Ein Kommentar

  1. Ihr Reformpädagogen habt diesen Kindern vor allem ihre schriftliche Ausdruckmöglichkeiten genommen, indem Ihr ihnen die Anlaut-Tabelle in die Hand drücktet,erklärter man schriebe wie man spricht und sie einfach schreiben ließet und dass, obwohl es nur eine Graphem-Phonem-Übereinstimmung von 60 % gibt (Prof.Thomme). Und dann habt ihr diese Wortruinen noch mit einem Smile versehen und damit vermittelt, dass alles richtig war was diese Kinder schrieben, wodurch diese Kinder über zwei Jahre eigene Schreibregeln entwickelten. Jetzt dürfen sie alles neu lernen, was natürlich deutlich aufwendiger und schieriger ist. Außerdem verschriftlichen sie in der gleichen Weise Englisch und Französich nach Gehör. Die lateinischen Buchstaben stimmen im Phonem nur beim Italienich und Latein überein, weil sie für diese Sprachen entwickelt wurden. Und gezielte Leseübungen habt ihr mit den Kindern auch nicht durchgeführt, weshalb viele von ihnen anschließend nach“ Lesen durch Schreiben“ neben logopädische Unterstützung noch andere kinderpsychologische Therapien wegen ständigem Umlernstress brauchten. Gehen sie einfach mal in die Praxen für Kinderpsychologen und Logopäden.Es ist für einen Lehrer auch viel einfacher die Kinder sich mit der Anlaut-Tabelle beschäftigen zu lassen, als mit ihnen direkt zu arbeiten und sie sukzessiv an die Selbstständigkeit des Schreibens heranzuführen und ihnen damit Selbstsicherheit zu geben. Die Schüler wollen nämlich Richtiges lernen und nicht irgend einen Schwachsinn, wie Wortruinen, kreative Ausdrucksmöglichkeiten und diese lernt man nur von engagierten und guten Lehrern. Ihr aber betreibt unterlassene Hilfeleistung (Prof.Sedlemeier), weshalb ich diese Methoden bei meinen jüngsten zweien nicht mehr zulassen werde.Ich kann die Erfinder dieser Methoden nicht belangen, aber es gigt immer juristische Möglichkeiten wegen der unterlassenen Hilfeleistung schutzbefohlener Kinder. Und es wird Ärger für diese Lehrer geben.

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