Risiko Familienbett?

Insgesamt vier Anfragen erreichten mich als Autorin und uns vom Artgerecht-Projekt heute am späten Nachmittag. Alle hatten sie den gleichen Tenor:

HILFE!
Da gibt es diese Studie, die angeblich nachgewiesen hat, wie gefährlich Co-Sleeping sein soll!
Nun bin ich/ist mein Mann/ meine Mutter/ seine Mutter beunruhigt!
Was sollen wir jetzt machen?

Zuerst:
Ruhig bleiben.

Durchatmen.

Dann nachforschen.

Der Spiegelartikel ist sehr oberflächlich. (Mal ehrlich: Wenn Mediziner über die Ursachen „rätseln“, wie will man dann sagen, was zu tun ist, um das Baby zu schützen?) Ungefähr 5 Klicks weiter kommt man auf viel interessantere Informationen, die ich euch nicht vorenthalten will. Vier Punkte auf die Schnelle in der Nacht:

Die im Spiegel zitierte Studie besteht im Wesentlichen daraus, dass sie die Daten aus 5 anderen Studien ausgewertet und zusammengebracht hat. Das allein ist nicht verwerflich, sondern ganz normal. Aber…

  1. In der Studie wird behauptet, Co-Sleeping würde das Risiko bei Kindern nicht rauchender Eltern erhöhen. Die erhobenen Daten geben aber darüber nicht wirklich Aufschluss. Sie zeigen, dass das Risiko bei rauchenden Eltern wesentlich erhöht ist. Tja, das wussten wir schon.
  2. Die Studie macht keinen Unterschied zwischen voll- und teilgestillten Kindern („partially or completely breastfeeding at time of death or interview“) und bietet keine Angaben über die Menge des Zufütterns. Wieviele Flaschen haben die Babys bekommen? Und welche Art der Nahrung? Wir wissen es nicht.
  3. In drei der fünf Studien gibt es keine Angaben über den Drogen- oder Alkoholkonsum der Eltern in den 24 Stunden vor dem Tod des Kindes, sondern die Daten wurden statt dessen „errechnet“ (imputed). Hm.
  4. Es wird nicht klar, ob die untersuchten Familien eine sichere Schlafumgebung hatten, ob sie bewusst im Familienbett schliefen, oder weil sie keine andere Möglichkeit hatten.

In den nächsten Tagen gibt’s mehr. Jetzt muss ich erstmal schlafen, sonst …

JAWOHL! Sonst werde ich zum Risiko, und zwar sogar noch für mein großes Kind. Eine übermüdete Mutter ist ein echter Risikofaktor. Ich zumindest. Ich werde unkonzentriert, lasse Sachen fallen, fahre zu schnell, detsche Beulen in meine Stoßstange, stolpere über den Hund… Ihr habt so die grobe Richtung verstanden, denke ich.

Stellt euch vor, was passiert, wenn sich dank solcher schlecht recherchierter Artikel niemand mehr traut, sein Baby in einer sicheren Schlafumgebung (nüchterne Eltern, harte Matratze, Schlafsack, keine Kuscheltiere, etc.) gezielt bei sich schlafen zu lassen? Genau! Stillende Mamas werden statt dessen mit ihren Babys auf dem Sofa einschlafen. Übermüdet. Wo es keine harte Matratze und manchmal durchaus das eine oder andere Kissen gibt. Das ist gefährlich.

Stillende Mütter bekommen im Familienbett den meisten Schlaf. Haltet eure Kräfte beisammen. 🙂

 

 

17 Kommentare

  1. Stefanie Riechert

    Also, ich kann behaupten:
    Auch die Flasche zu geben ist im Familienbett angenehmer als auf der Couch.(Stillen war mir bei keinem meiner Kinder länger als 4 Wochen gegönnt.)
    Flaschenmama´s leiden ebenfalls unter den oben angeführten Folgen des Schlafmangels. 😉

  2. Katja Hümpfner

    So ein schmarrn…… Wo sterben denn die ganzen Babys? Genau, im eigenen Bettchen! Und ich glaube da sowieso dass es einfach so sein soll warum auch immer 🙁 Es ist traurig, aber ich stell mir vor dass es sich die seele einfach anders überlegt hat und nicht bleiben will…. Das ist einfach MEINE erklärung dazu 🙁

  3. Sandra Herrmann

    Hallo Katja, klar treten die meisten Fälle im eigenen Kindsbett auf, denn die meisten Kinder schlafen eben in eigenen Bettchen. Übrigens, das was hier immer wieder behauptet wird, dass in Japan etc. SIDS kaum auftritt ist eine nachweisbar falsche Behauptung!! Ebenso die über Kein SIDS bei Naturvölkern. Denn dort gibt es keine Forschung. Die Sterblichkeitsrate bei Babys allerdings ist enorm hoch im Vergleich zu Europa.

    Ähnlich in China, da herrscht zum einen die 1-Kind Politik – merke SIDS hat beim 2. Kind einen erhöhten Faktor 2 und zum Anderen wird nicht sehr viel nach außen publiziert.

    Ihr schreibt oben selbst: ….Wir wissen es nicht.
    Genau das ist der Punkt! Wie könnt ihr dann behauptungen und Empfehlungen aufstellen, die allen anderen widersprechen??

    Ja doch, Sears und Mckenna – das sind natürlich wirkliche Quellen. Aber: Lest ihr eigentlich auch die Aussagen dieser Leute? Überall steht „wahrscheinlich“ „vermutlich“ und zu guter letzt ist es die Kinderbetten-Lobby…

    Schliesslich und endlich gehen ALLE offiziellen Empfehlungen und Studien in die Richtung:

    Baby im Schlafsack auf dem Rücken in eigenem Bett im Elternschlafzimmer!

    Stiftung für die Erforschung und Vermeidung des plötzlichen Säuglingstodes; Stiftung Wiegentod
    http://www.wiegedood.nl/admin/kcfinder/upload/files/Download%20VS%20Duits.pdf

    Babyhilfe Deutschland e.V.
    http://www.babyschlaf.de/e57/e1127/e1131/pRevFiles1132/10JahreKonsenspapierzurPrventiondespltzlichenSuglingstodes_PIv18092012.pdf

    Gemeinsame Elterninitiative Plötzlicher Säuglingstod (GEPS) Deutschland e.V.
    http://www.geps.de/cms/front_content.php?path=Der-Ploetzliche-Saeuglingstod/Das-Risiko-senken

    Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
    http://www.kindergesundheit-info.de/themen/risiken-vorbeugen/ploetzlicher-kindstod-sids/vorbeugung-kindstod/

  4. Liebe Julia,

    das hast du sehr schön geschrieben. Ich habe den Artikel aus der Ferne betrachtet und für mich entschieden, das dieser Artikel keinen Wert hat Was ich bei dir darüber lesen, bestätigt mich.

    Lennart und ich genießen das Familienbett und den vielen Schlaf, den wir zwei dadurch bekommen. Davon profitieren alle anderen hier auch 😉

    Liebe Grüße
    Andrea

  5. Oooh Katja,
    nimm das bitte nicht persönlich, aber irgendwie hab ich das Gefühl,
    dass du mit einem solchen Kommentar sehr viele betroffene Eltern/Angehörige kränken könntest :-/ …
    Wieso sollte eine kleine Kinderseele nicht auf dieser Welt und bei seinen Eltern bleiben wollen??

    Lg, Maria

  6. Ich habe mir herausgenommen, die Seite auf meiner tumblr-Seite zu verlinken, ich hoffe das geht in Ordnung?

    @Sandra: Natürlich ist die Sterblichkeitsrate in Naturvölkern höher.
    Schonmal an Infekte, Kinderkrankheiten, Hygiene, weniger Platz zum schlafen (auch wenn ich absolut pro Familienbett bin, aber bspw. 8 Leute auf 4qm stelle ich mir gefährlich vor) und vor allem an fehlende Aufklärung gedacht?
    Nach dieser Logik, sollte man auch nicht stillen, denn gerade in Naturvölkern wird viel und lange gestillt und trotzdem ist die Kindersterblichkeitsrate höher 😉
    Man kann nicht einen beliebigen Faktor aussuchen, nur weil er gerade so passt.

    Die Empfehlungen gegen Familienbett rühren vor allem daher, dass man eben nie sicher sein kann, ob Eltern es vernünftig umsetzen.
    Rauchende oder gar trinkende Eltern, die mit ihrem Säugling das Bett teilen, viele Kissen im Ehebett, auf die Mutter/Vater nicht verzichten möchte, Wasserbett, zu kleine Matratze u.s.w.
    Diese Risikofaktoren umgeht man am besten, indem man allen Eltern dazu rät, dass Kind im eigenen Bettchen schlafen zu lassen, insofern sind die Empfehlungen verständlich.
    Hat aber a) nichts mit der zitierten Studie (denn die ist ja neu) und somit auch b) nichts mit der tatsächlichen Gefahr zu tun, die von Familienbett laut Spon-Artikel ausgehen soll.

    • Der SpOn Artikel hat die Studie nur unzureichend bzw. ohne echte Fachkenntnis aufgenommen. Er ist nur eine Zusammenfassung der Interpretation des Abstracts. Schlampige Recherchenarbeit, wenn ich das so sagen darf.

  7. Danke!
    Leider nur ist diese unsägliche Studie von allen möglichen vielgelesenen Blättern zitiert worden. Und was passiert? Klar, das Familienbett gilt nun überall als Gefahrenquelle schlechthin, schlimmer als die Bauchlage.

  8. Sandra, ja alle Studien in Deutschland gehen dahin, das Kind möglichst früh von Mama und Papa zu entwöhnen. Vier Stunden Flaschen Rhythmus auf dem Rücken im Bett liegend. Das sind die Tipps.

    Ich bin sehr froh, das ich mittlerweile durch meine Erfahrung als Großfamilienmama sehr viel selbstbewusster einen ganz anderen Weg gehe. Stillen nach Bedarf, tragen, tragen, tragen und mein Kind ganz nah beim mir schlafen lassend.

    Viele Grüße
    Andrea

  9. hallo,wieso erwähnt ihr den Schlafsack immer wieder so negativ? Meine Kinder haben alle bei uns geschlafen und der kleinste immer noch,aber MIT Schlafsack. Weil er überall ist außer unter der Decke! Und ohne Schlafsack eiskalt!

  10. Jürgen Mahler

    Hallo Julia,

    mittlerweile gibt es ja über so gut wie alles eine Studie. Ich habe deinen Artikel aufmerksam gelesen. Und wir lassen uns von so etwas auch nicht beunruhigen. Früher hat man das auch schon gemacht und wir leben auch noch. Aber ich danke Dir für die nützlichen Informationen.

  11. Hallo Julia,

    Ich habe die Studie von Carpenter et al. jetzt mal aufgedröselt.
    http://mamahatjetztkeinezeit.wordpress.com/2013/06/09/lauert-der-tod-im-elternbett/

    Liebe Grüsse
    Katharina

  12. Hallo,

    es ist doch immer so dass man keiner Statistik trauen soll die man nicht selbst gefälscht hat, so oder so ähnlich geht doch das Sprichwort! Meiner Meinung nach ist an dieser Sache auch wirklich viel dran.

    Denn in der heutigen Zeit verlassen wir uns viel zu sehr auf die großen Namen von Internetseiten oder auch Zeitungen und Glauben alles was darin abgedruckt wird. Jedoch sollte nicht vergessen dass wir mündigen Bürger sind und uns erst durch das Lesen von mehreren Quellen eine wirkliche Meinung bilden können!

    Daher bitte vor einer Entscheidung oder Frage Stellung einer Redaktion immer erst den Sachverhalt aus mehreren Quellen beziehen und die diversen Standpunkt abschätzen und dann zu einem persönlichen Ergebnis kommen!

  13. Hallo zusammen

    Wir möchten unser Baby auch im Familienbett haben wenn es geboren wird. Aber ich wurde gerade stutzig wegen dem Thema Schlafsack? Warum nicht im Schlafsack? Hat das einen speziellen Grund? Ist doch praktisch?

    Vielen Dank

    • Doch, klar, Schlafsack ist toll!
      Das war missverständlich: „keine Kuscheltiere, Schlafsack etc…“
      Es sollte NICHT heißen: „keine Kuscheltiere und kein Schlafsack“.
      Ich habe es jetzt umgestellt, so dass es verständlicher ist. Danke für deinen Hinweis, Sarah!

      Julia

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