Schreien lassen tut nicht gut

Ich hoffe, meine Meinung dazu ist hinlänglich bekannt, und ich glaube, es ist müßig, noch ein hundertdreiundneunzigstes Mal zu erwähnen, dass ich finde: Schreien lassen geht gar nicht.

Auch nicht als letzter Rettungsanker, wenn Eltern überlastet sind. Dazu hat meine wunderbare Nicola-Kollegin auf ihrem Blog die offizielle Artgerecht-Stellungnahme geschrieben. Wir müssen als Gesellschaft endlich lernen, die Dauerüberlastung abzustellen, unter der viele junge Eltern – vor allem Mütter – leiden.

Natürlich könnte ich jetzt hier noch etwas dazu schreiben, dass Schreienlassen Babys unter Stress setzt. Ich könnte etwas über das Stresshormon Cortisol schreiben und über die Studie (an Affen 😉 ), die gezeigt hat, dass zu viel Cortisol die Entwicklung der Frontallappen hemmt. Die sind für unsere höheren Gehirnfunktionen zuständig, für Soziales und Altruismus. (Ich könnte auch mutmaßen, dass die meisten Politiker und Manager heutzutage aus einer Zeit stammen, in der „Schreienlassen“ groß in Mode war, und dass ihr Altruismus daher offenbar nicht sonderlich gut ausgeprägt ist.) Oder ich könnte etwas zu der anderen Studie schreiben, die darauf schließen lässt, dass der Hippocampus unter Stress beeinflusst wird und dadurch die betroffenen Babys als Erwachsene möglicherweise schlechter mit Stress umgehen können. Oder ich könnte auf Sue Gerhardt verweisen.

Kurz: Ich könnte hier eine Stellungnahme zum Schreienlassen schreiben, aber muss noch eine wirklich sein? Ich habe schon seit so vielen Jahren und an so vielen Stellen evolutionsbiologisch und psychologisch begründet, wie ich zu meiner Meinung komme. Ich will niemanden bekehren. Ich will nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen. Mir ging es immer nur darum, die Menschen zu stärken, die sowieso ähnlich empfinden wie ich.

Statt einer Stellungnahme möchte ich deswegen lieber einen weiteren Punkt nennen, der mir wichtig ist. Einen ganz wichtigen Punkt auf dem Weg, die Dauerüberlastung abzustellen:

Wir müssen lernen, als Gesellschaft Geborgenheit und Bindung wertzuschätzen und Empathie als wichtig zu erachten.
Verlieben wir uns in die Liebe!
Und fangen wir dabei mit uns selbst an. 🙂

Wieso ist es immer noch irgendwie gesellschaftlich verpönt, gern mit seinem Kind zusammen zu sein, gern etwas für sein Kind zu tun?

„Musst du den immer noch ins Bett bringen?“, fragte mich eine Freundin, als mein Sohn 6 oder 7 war.
Nö.
Muss ich gar nicht. Möchte ich aber. Oder mein Mann. Oder wir beide.
Wir schließen gern den Tag mit ihm ab, auch heute noch. Wir lassen Ereignisse Revue passieren und lesen noch ein bisschen vor.
Wir mögen es, uns zu mögen.

Bindung tut gut. Oxytocin tut gut.
Es macht glücklich, es macht gesund.
Es gibt definitv schlechtere Gewohnheiten.

Ich wünsche mir, dass alle Eltern in den Genuss dieses Glücksrausches kommen.

Verliebt euch in die Liebe.

Bringt eure Kinder ins Bett, weil Ihr es wollt.
Nicht, weil ihr das Gefühl habt, es tun zu müssen.
Und lasst euch nicht von der Nachbarin irritieren, die das uncool findet.
Wenn es zur Pflicht wird, dann versucht, die Aufgabe abzugeben.

Ich weiß, dass diese Möglichkeit nicht jeder Mutter offensteht. Das ist ein Problem unseres Lebensstils. Wer 24 Stunden am Tag mit einem Baby allein ist, wird überlastet. Womit wir wieder beim Stamm sind. Wir brauchen zur Aufzucht eines Babys Unterstützung: Mütter, Schwiegermütter, Tanten, Onkel, Freunde.

Deswegen schließe ich mit einem Zitat meiner Lieblings-Nicola:

Oft ist Hilfe nur eine Tür, ein Gespräch weit entfernt.
Wir müssen wieder lernen, sie zu geben, sie zu fordern, sie nehmen zu können.

 

 

2 Kommentare

  1. hmm… ich lese sogar so lang bis meine sechsjährige tochter einschläft und wenn ich nicht mehr lesen mag kuscheln wir bis sie schläft. mein mann bespasst in der Zeit unsere andere 1,5 jährige tochter im wohnzimmer, weil sie noch nicht müde ist und geniesst die zeit mit ihr die er tagsüber nicht hat. Später stille ich die kleine dann in den Schlaf.
    wenn ich das Müttern aus unserem Kiga erzählen würde… ehrlich gesagt mache ich das nicht.
    Es tut gut immer mal wieder zu lesen das es auch Menschen mit anderen Einstellungen zu Kindern gibt.
    Danke
    Ich warte schon sehnsüchtig auf das neue Buch!

    Liebe Grüsse

    Nina

  2. Liebe Julia,
    ich kann Dir nur zustimmen. Du sprichst aus meinem Herzen.:

    „Musst du den immer noch ins Bett bringen?“, fragte mich eine Freundin, als mein Sohn 6 oder 7 war.
    Nö.
    Muss ich gar nicht. Möchte ich aber.

    Was geht es andere an wie wir unsere Erziehung oder Beziehung gestalten??!! Es ist so unendlich traurig dass die Gesellschaft so wenig Sinn für die wirklich wichtigen und richtigen Dinge im Leben hat.

    Liebe Grüsse Yvonne

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