Über den Schrecken reden

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Kindheit im Kalten Krieg

Erinnert Ihr euch an die Bilder, die früher in den Postämtern hingen? Die, auf denen die RAF-Terroristen gezeigt waren, und oben drüber stand „TERRORISTEN! Gesucht!“? Nachdem mir meine Mutter – in mit Sicherheit kindgerechten Worten – erklärt hatte, was Terroristen so tun, hatte ich Angst vor den Leuten auf den Bildern, obwohl sie eigentlich aussahen wie nette junge Leute. Ich dachte immer, auf dem Schulweg würde mich jemand erschießen.

Und dann gab es immer mal wieder Probealarm. Einmal waren meine Eltern nicht da, und mein Bruder und ich waren allein zuhause. Ich hab so furchtbare Angst gehabt. Ich fing damals gerade an, die Sache mit dem furchtbar bösen Ostblock und dem lieben Westen zu verstehen, und dass es mal Krieg gegeben hatte und auch, dass wir da so ziemlich an der Zonengrenze lebten. Ich dachte, gleich würden Panzer über den Schulhof nebenan gefahren kommen. Oder Bomber über unser Haus fliegen. Ich weiß noch, wie ich überlegt habe, was mein Bruder und ich dann wohl tun sollten.

Diese beiden Erinnerungen stammen aus einer Zeit, als ich irgendwas zwischen acht und zehn war. Der kalte Krieg war eine ziemlich fiese Zeit, um darin aufzuwachsen. Geprägt von einer Grundunsicherheit. Diese beiden Erinnerungen haben auch beeinflusst, wie ich mit meinem Sohn über solche Dinge spreche. Als er klein war, habe ich es so ähnlich gehalten, wie Nicola es hier beschreibt.  Weil ich nicht wollte, dass er diese Grundunsicherheit mitbekommt.

Positive Grundstimmung statt Grundunsicherheit

Besonders wichtig finde ich den Punkt, wo Nicola Tamara Brennan, PHD und Psychologin, und ihren Artikel „Talking to our Children about World Tragedies“  zitiert, die schreibt:
– Erlebnisse in der der frühen Kindheit bestimmen, wie sich das Nervensystem der Kinder entwickelt
– hier bildet sich die Grundstimmung („Baseline mood“) für den Rest ihres Lebens
– Mit einem Gefühl der Sicherheit aufzuwachsen, hilft Kindern, eine bessere Grundstimmung zu entwickeln
– So können sie ihr Leben besser gestalten
– Sie werden stärker, selbstwirksamer und mutiger

Und genau das brauchen wir doch: Starke, selbstwirksame, mutige Menschen, die die riesigen Aufgaben, die wir ihnen hinterlassen, zuversichtlich angehen.

9/11

Am 11. September 2001 waren wir auf einem Segelboot auf einer winzigen Insel in Dänemark.
Still. Ganz still war es auf der Insel. Der Sonnenuntergang war wunderschön.
In meinem Bauch wuchs mein Sohn.
Und mir war das erste Mal auf dem gesamten Segeltörn nicht übel.
Ich saß auf dem Steg und schaute mir den Sonnenuntergang an und versprach meinem ungeborenen Kind, dass ich alles dafür tun würde, was in meiner Macht steht, dass es ein gutes Leben haben würde.

Drinnen im Boot hockten mein Mann und die Mitsegler vor dem Radio und hörten wieder und wieder und wieder und zum fünfhundertdreiunddreißigsten Mal die Nachrichten von den Flugzeugen, die in die Twin Towers geflogen waren.
Ich hatte es einmal gehört. Ich hatte es verstanden. Es gab nichts, das ich im Moment dazu tun konnte.
Ich musste es nicht noch einmal hören, denn das hätte nichts geändert. Nicht für die Menschen in New York, nicht für irgendwen.
Es hätte nur eins getan: Es hätte mir Angst gemacht, und es hätte meinem Kind Angst gemacht.

Und jetzt Paris. Das Kind ist dreizehn.
Natürlich unterhalten sie sich in der Schule darüber. Eine Mitschülerin ist gerade in Frankreich zum Schüleraustausch.
„Macht es dir Angst?“, frag ich.
„Nö“, sagt das Kind.
Ich bin mir nicht sicher, ob es nur deswegen keine Angst hat, weil es nicht so wirklich mitbekommen hat, was da passiert ist. Kann ich mir allerdings nicht vorstellen, denn ich habe schon lange nicht mehr die Macht über die Medien in diesem Haushalt.
Vielleicht liegt es an seiner Grundstimmung, der positiven. Das Kind hat selten Angst. „Obwohl Angst manchmal auch nützlich ist“, sagt es.
Manchmal ja. In den allermeisten Fällen lähmt sie bloß.

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Cui bono?

Ich hoffe, dass es aus unseren Gesprächen vor allem lernt, bei sich zu bleiben, zu hinterfragen, die Medien in Frage zu stellen und immer zu überlegen: Warum? Warum passiert das gerade? Warum ist die Berichterstattung darüber so marktschreierisch? Und was hat es wirklich mit mir zu tun?
Es gelingt mir nicht immer, aber ich versuche, die Antworten, die er findet, dabei nicht zu manipulieren. Allerdings mache ich ihn schon darauf aufmerksam, wie berichtet wird. Zu unterscheiden zwischen Sachaussage eines Textes und dem emotionalen Beiwerk („Europa in Schockstarre!“)
Nach und nach kommen wir natürlich auch an solche Fragen wie: Wem dient dieser Krieg? Wer zieht einen Gewinn daraus? Warum werden Menschen radikalisiert? Warum führen Menschen überhaupt Krieg? (Glückliche Menschen führen keine Kriege.) Und wie könnte man ihn beenden?
Auch darauf bemühe ich mich, ihm keine Antworten vorzukauen. Ich hab sie ohnehin nicht. Aber es ist wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, wenn man 13 ist. Das hat etwas mit Selbstwirksamkeit und Kraft zu tun. Damit, sich eben nicht erschrecken zu lassen vom großen Schrecken.

Wir können was tun!

Aus diesen Gedanken entstehen dann Handlungskonzepte und Ideen.
Ich hab mir damals mit 15 oder so meinen Freundinnen überlegt, ein Land zu gründen. Wir hätten gute Gesetze gehabt.
Das Kind überlegt gerade, ob es sinnvoll wäre, eine Ökodiktatur einzurichten, in der Fleisch essen und Auto fahren verboten sind.
Daraus ergeben sich natürlich neue Gespräche.

Nicola schreibt so wunderbar: „Er wird nicht seine Kindheit damit verbracht haben, von hungernden Kindern, sich aufheizenden Planeten und schießenden Terroristen Angst zu haben. Angst entsteht, wenn wir nichts gegen eine Gefahr tun können. Also ermächtige ich ihn erst, stärke ihn, etwas zu tun, bevor ich ihn mit Problemen konfrontiere.“

Wir sind ja jetzt sechs Jahre weiter, und ich finde, der Ansatz hat sich ausgezahlt.
Das von Nachrichten in Funk und Fernsehen lange ferngehaltene Kind hat einigermaßen Ahnung, sowohl von der Welt da draußen als auch von der Welt vo unserer Haustür. Es hat wenig Angst, und es entwickelt Lösungen.
Wo wir gerade beim Regenwald und dem fiebrigen Planeten sind: Kinder zu stärken, heißt für mich auch, immer wieder zu zeigen: JA, wir können was tun! Wir können mit unseren Kaufentscheidungen und mit unserem persönlichen Verhalten etwas bewirken. Wir können dafür sorgen, dass zumindest für uns kein Regenwald abgeholzt wird (die Details dazu kriegen wir dann später). Wir können versuchen, unseren CO2-Fußabdruck runter zu kriegen. Wir können etwas tun. Wir können Teil der Lösung sein.
Denn wenn viele kleine Menschen an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, verändert sich die Welt.

Gestern Abend wurde in der Klassen-Whatsapp-Gruppe lange heiß diskutiert. Ein Haufen 13- und 14jähriger, die sich bemerkenswert kluge und vorausschauende Gedanken machen. Sie wollen eine Zusatzstunde beantragen, um über das Thema IS und mögliche Ängste zu reden.
Wenn ich mir die ansehe, glaube ich, dass die Chancen trotz allem insgesamt ganz gut stehen für die Welt.

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