Und sie werden nicht vergessen sein

araratLesetipp für Erwachsene
(Und nein, das hier mutiert jetzt nicht langsam zum Buchblog, hoffe ich. Aber es ist ein Blog darüber, was bei mir so gerade passiert. Und das hier ist halt das, was gerade passiert ist… Ich kann’s nicht ändern.)

 

Puh.
Selten hat mich ein Buch gleichzeitig so beglückt und so fertig gemacht wie „Und sie werden nicht vergessen sein“.

Wenn Ihr in eurem Leben nur einen einzigen Roman lest – dann diesen.
„Und sie werden nicht vergessen sein“ sollte es als Hörbuch geben, als Film, als Großdruck, in Braille-Schrift. Auf deutsch, auf englisch, auf französisch, auf türkisch, arabisch und in allen anderen Sprachen der Welt.

Es fängt einigermaßen gemütlich an mit Eva und Martin, die von Martins Eltern nach Hause nach Berlin fahren zu ihrer fünfjährigen Tochter Chaja. Doch schon das erste Kapitel endet ungemütlich damit, dass Martin andeutet, ein Schwein zu sein. Und weil 1937 ist, ahnen wir, was er damit meint.
Ich finde diesen Anfang vor allem deswegen interessant, weil Eva und Martin nicht die Hauptfiguren sind, und es dennoch so unglaublich sinnvoll und logisch ist, mit ihnen anzufangen. Und weil ich ohne zu Zögern danach mitgegangen bin, um die eigentlichen Protagonisten kennenzulernen: Amarna und Arman, in London lebendes Glamourpaar. Sie deutsche Archäologin, er begnadeter armenischer Bildhauer. Selten habe ich eine Liebe zwischen zwei so unterschiedlichen Menschen so wunderschön beschrieben gesehen. Gleichzeitig zart und kraftvoll und traurig und witzig.
Die Schicksale von Eva, Amarna und Arman verknüpfen sich, der Schrecken in Europa wird immer größer. Carmen Lobato gelingt es, ihn plastisch zu machen, ohne dabei je plump-plakativ zu werden. Vielleicht ist es Armans Lakonismus gedankt, aber selbst die schrecklichsten Schrecken sind erträglich zu lesen – und verbreiten sich dann so nach und nach im Bewusstsein, bis auch der Letzte ohne jeden Fitzel eines Zweifels weiß: DAS darf NIEMALS wieder passieren. Das nicht.
Aber zum Trauern war beim Lesen keine Zeit, denn Amarnas Nachbarin Doris hatte immer etwas Feines gekocht und einen Pimm’s bereitstehen, und außerdem musste ich ja wissen, wie es weitergeht mit Amarna und Arman und ihrem ganzen bunten Leben, in dem sich alle so viel Mühe geben, anständig zu sein und es doch nicht immer schaffen.

Während ich gelesen habe, kam immer mal wieder die Hund vorbei und hat mich mit großen Augen gefragt, warum ich denn bitte auf dem Sofa sitze und schluchze. „Weil es so schrecklich ist“, habe ich gesagt „und so wunderschön.“ Ich glaube, das fand sie nicht sonderlich beruhigend.

Was soll ich dem Hundemädchen auch erklären von Liebe – sie kann das ja einfach so.
Aber ich, Mensch, sitze weit über eine Stunde, nachdem ich das Buch zugeklappt habe, hier und weine um … (will ja nicht spoilern) und freue mich, dass es so etwas Wunderbares wie die Liebe zwischen den Menschen gibt, auch in den allerschlimmsten Zeiten. Und ich bin glücklich, dass jemand so unglaublich schön Bücher über Liebe, Hoffnung, Vertrauen und Vergebung schreiben kann.
Darauf trinke ich mit Doris einen Pimm’s und wünsche mir dann wohl mal „Die Stadt der schweigenden Berge“ zum Geburtstag.

LEST DIESES BUCH!
Verschenkt es. Verleiht es meinetwegen zur Not.
Damit sie nicht vergessen werden. Bitte.

Von der Website des Verlags:
Amarna, die deutsche Archäologin, und Arman, der armenische Bildhauer – ein wahrhaft unvergessliches Liebespaar: Im London des Jahres 1938 gelten sie als glamouröses Traumpaar, doch ein tiefer Schatten liegt auf ihrer Liebe. Arman hat durch den Genozid an seinem Volk 1915 seine ganze Familie verloren. Wie eine unsichtbare Mauer steht dieses Grauen zwischen den beiden und wächst von Tag zu Tag. Dann bricht der Krieg aus, und Arman meldet sich freiwillig zur Royal Air Force. Am Fuß des Ararat, in den mythischen Ruinen, die die Wiege der armenischen Kultur bergen, wird sich die Kraft ihrer Liebe beweisen müssen.

Und sie werden nicht vergessen sein
Knaur 9,99
ISBN 978-3-426-51820-5

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