Wie Meinungen gemacht werden

Für mein neues Buch – eins meiner neuen Bücher 😉 – das im nächsten Herbst erscheinen wird, habe ich gestern recherchiert, was junge Menschen hierzulande am meisten beschäftigt.
Und so sieht es aus: Diese Themen sehen Jugendliche in Deutschland als Herausforderung (Quelle: Statista).

herausforderungen_jugendliche

Wer lesen kann, sieht deutlich, dass ganz oben „Armut in vielen Ländern“ (75%) steht, dicht gefolgt von „Klimawandel und Umweltzerstörung“ (73%).

Was aber lesen wir als Teaser bei Statista? „42 Prozent sehen den internationalen Terrorismus als große Herausforderung. “ 42.
Na, schau.
(Ich sage nicht, dass der Terrorismus kein Problem ist. Ich sage nur, dass die jungen Menschen dringendere Probleme sehen.)
Wer nun so ein bisschen weiß, wie Zeitungsredaktiononen arbeiten, unter welchem Zeitdruck und Sensationsdruck die Leute stehen, die dort arbeiten, der weiß auch, was nach einer solchen Veröffentlichung in den großen Medien zu lesen sein wird: Jugendliche sehen Terrorismus als Problem.
Klickt viel besser als die langweilige Umweltzerstörung.

Warum?

Mir fällt spontan dazu ein:

Weil es beim Terrorismus einen sensationstauglichen äußeren Feind gibt, auf den man zeigen kann.
Bei Armut, Klimawandel und Umweltzerstörung ist das mit dem Fingerzeigen so eine Sache.
Da müssten wir mit ziemlich vielen fetten Fingern auf uns selbst zeigen. Blöd. Unbequem.
Dann doch lieber die bösen Terroristen da draußen. Gegen die kann man kämpfen. Über die kann man sich aufregen.

Und Leute, die Angst haben von Terroristen, kann man auch leichter dazu bekommen, ihre Daten überwachen und speichern zu lassen, während die, sie sich konstruktiv mit Lösungen für den Klimawandel beschäftigen, im schlimmsten Fall durch Konsumverzicht noch die Wirtschaft schädigen. Sehr blöd.

TTIP vs Pegida – ein Blick in die Medien

Am 10.10. war in Berlin die Groß-Demo gegen TTIP.
250.000 Leute haben demonstriert – das sind achtmal so viele Menschen, wie in meiner piefigen Kleinstadt leben. Selbst wenn es „nur“ 150.000 gewesen sein sollten – es ist eine unglaubliche Menge Menschen, die dort auf die Straße gegangen ist und gesagt hat: Wir wollen nicht, dass unser Land verkauft wird!
Nur umbeirum eine Woche danach demonstrierten in Dresden 15.000 bis 20.000 Leutchen für Pegida. Nicht mal EIN ZEHNTEL.

Aber was wird seitdem ad nauseam durch die Medien wiedergekäut?

„Hunderttausende wollen kein Freihandelsabkommen“???
„Wir sind das Volk, und wir sind gegen Gengemüse und Fracking“?
NEIN!
„Zornige Demonstranten verpassen geldgeilen Großindustriellen einen Dämpfer?“
NEIN!
Mal hier eine kleine Nachricht, mal da. Dann Schweigen im Blätterwalde.
Statt dessen:
Pegida vorwärts, rückwärts und seitwärts. Und die doofe Pirincci-Nase gleich noch mit dazu.
Was mich verleitet, laut brüllen zu wollen:
Schweigt die doch endlich einfach mal tot!
Wenn niemand mehr über die kleinen Gernegroße berichten würde, wären sie innerhalb weniger Wochen verschwunden.

Oh, und zwischen TTIP und Pegida wurde mal eben, heimlich, still und leise, auch noch die Vorratsdatenspeicherung durchgewinkt, wozu meine Freundin Judith mir diese schöne Karte schickte:

fetch)UID).INBOX)196567Die Schlagzeilen und tausendfachen Klicks blieben bei den Braunen.
Ein Schelm, wer vermutet, dass der „islamische Staat“ und die durch ihn Vertriebenen und das, was dadurch in Deutschland passiert, zur Unterdrückung anderer für andere politische Themen gar nicht so ungelegen kommt.

Ist Politik zu komplex?

Hier ist noch ein Grund, warum die Berichterstattung ist, wie sie ist:
Bei Pegida gibt es Gesichter, die man zeigen kann, einen einfachen Feind. Jemanden, der eindeutig doof ist. Oder mit dem man *grusel* vielleicht auch sympathisiert. Jedenfalls was zum Anfassen mit einer einfachen Botschaft, die man auch ohne Nachdenken verstehen und für oder gegen die man sein kann.

TTIP ist für viele zu komplex und wahrscheinlich auch zu abstrakt. Dabei würde es reichen zu verstehen:
Bei TTIP geht es nicht um das Wohlergehen der EU-Bürger, sondern um die Interessen der (meist) US-Wirtschaft.
Es wird hinter verschlossenen Türen verhandelt, und die Lobbyisten setzen alles dran, das Abkommen durchzudrücken. Woraufhin wir dann den Monsanto-Fraß in den Supermarktregalen haben.

So ganz grob. Um es ein kleines bisschen weniger grob zu verstehen, genügen drei Minuten.

Also los jetzt, Zeitungsmacher, Radiomenschen, Internetgurus!
Stürzt euch auf TTIP.
Die Flüchtlingskrise ist eine riesige Herausforderung, keine Frage. Und den Menschen muss JETZT geholfen werden, auch gar keine Frage.
Aber künstlich Angst herbeizuschreiben und den Braunen ein Forum zu bieten (was auch dadurch geschieht, dass ständig über sie berichtet wird), bringt mal gar keinem was.

Und wenn wir uns in fünf oder zehn Jahren dann alle beruhigt und aneinander gewöhnt haben, wäre es ziemlich doof, aufzuwachen und festzustellen, dass es selbst bei dem netten syrischen Händler an der Ecke nur noch Gengemüse gibt.
Dass in Wirklichkeit Genfutter- und andere Konzerne bei uns regieren (ich weiß, tun sie eh) und gemächlich den Planeten für die nächsten sieben Generationen oder länger schrotten (ich weiß, tun sie auch eh), während wir uns über die braunen Hanseln aufgeregt und ihnen durch die ewige Medienpräsenz künstlich Macht gegeben haben.

Puh.
Rant over.
Jetzt geh ich mal wieder im Kleinen die Welt retten und tue meinen Teil dazu, dass liebevolle, empathische, kräftige Menschen heranwachsen können, die vor den Herausforderungen nicht zurückzucken.

Und ich bin sehr froh, dass mein erster Roman was mit Klimawandel zu tun hat und nicht mit Terrorismus.
Ahau.

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