Wildes bleibt Wild

Ich bin mit dem Hund spazieren, als das Telefon klingelt.
B  ruft sonst nie mitten am Tag auf dem Handy an. Nie. Da arbeitet sie, und wenn sie anruft, dann… Mein Kreislauf schießt hoch. Ich vermute Katastrophen jeglicher Art von gebrochenen Beinen bis zu Großmüttern im Krankenhaus. Aber ich bleibe ruhig.
„Bei euch im Kindergarten haben sie ein Babykaninchen“, sagt B. „Ich hab gedacht, vielleicht ist das eins von euren.“
Ich vermute, es ist keins von unseren. Ich vermute, das letzte von unseren hat der Fuchs geholt, denn ich habe es seit ein paar Tagen nicht gesehen, und der Nachbarkater brachte neulich wieder ein halbes Kaninchenkind nach Hause. „Ich geh mal gucken im Kindergarten“, sag ich.

Als ich wieder zu Hause bin von der Hunderunde, haben sie das Babykaninchen schon zur Fundtierauffangstation gefahren, und die haben jetzt Mittagspause.
Nachmittags rufe ich an. „Das Kaninchen, das man Ihnen heute Morgen gebracht hat… Ist das so vier bis fünf Wochen alt und sieht aus wie ein zu dunkel geratenes Wildkaninchen?“
„Hm“, sagt die Tierärztin, so genau habe sie es noch nicht angesehen. Sie wirft einen schnellen Blick. „Es ist ein Wildes, ja.“

„Ich hole es“, sag ich. „Ich weiß, wo es hingehört.“ Mein Rechner fährt eh gerade nicht hoch, und bevor ich den ganzen Nachmittag davor sitze und die Kiste verfluche…
Der Kleine will mit. Wir suchen uns eine große Pappkiste und polstern sie mit langem Gras.
Ich bin gespannt, ob das Kaninchenkind eins von unseren ist – und ob ich das erkennen würde.

Als der junge Tierarzt das Baby in die Kiste gesetzt hat (es war auf der Quarantänestation), können wir den ersten Blick reinwerfen.
Ich bin geschockt.
Das hier ist keins von unseren.
Das hier ist höchstens drei Wochen alt.
Höchstens.
Allerhöchstens.

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Meine Idee, das Kaninchenkind einfach zufällig irgendwo in der Nähe des Kindergartens hinzusetzen, fällt in sich zusammen. Der Winzling in der Kiste kann vielleicht noch nicht mal hoppeln. Wir müssen genau wissen, wo er herkommt. „Unsere Nachbarn gehen noch in den Kindergarten“, sagt der Kleine. „Ich frage die mal.“
Der Große ist inzwischen zu Hause, klitschnass vom Schwimmen im Fluss. Der Kleine kommt zurück, einen erwachsenen Nachbarn, den ich nicht kenne, mit zwei kleinen Mädchen im Schlepp.
Und so gehen wir auf die Wiese vor dem Kindergarten. Der Mann, die Mädchen, der Kleine, der Große, das Babykaninchen und ich.

„Es ist mein Kaninchen“, sagt die Fünfjährige. „Ich hab es gefunden.“
„Super“, sage ich. „Dann weißt du ja genau, wo es herkommt. Seine Mama wartet bestimmt schon.“
Sie zeigt uns die Stelle.

Wir kippen das Baby vorsichtig ins hohe Gras. Kaninchen säugen nicht besonders oft, ich glaube, nur einmal am Tag. Aber das Baby muss inzwischen Hunger und Durst haben. Das ist noch viel zu klein, um Gras zu fressen.
Die Mädchen und ihr Vater gehen Abendessen.
Der Kleine, der Große und ich überlegen, was wir tun, falls die Mutter das Baby nach seinem Tierarztabenteuer nicht mehr haben will. Ob Flocke es annehmen würde?
(Und sonst würden sich die Fuchsbabys wohl auch drüber freuen…)
Wir gehen nach Hause. Realistisch hat keiner von uns die Fähigkeit, stundenlang mucksmäuschenstill im Baum zu sitzen und zu warten, bis Mama Kaninchen kommt und nach ihrem Kind sucht.

Die Sonne ist untergegangen, da sagt der Große: „Ich geh zur Wiese.“
Barfuß und kurzhosig laufen wir durch die warme Abendluft.
Das Gras auf der Wiese ist lang und weich – Platz für zig kleine Kaninchen, die sich darin verstecken.
Das Kaninchenkind ist weg.
„Mission accomplished“, sagt der Große.
Wir geben uns fünf und gehen nach Hause.

Epilog:
„Die Tierärztin hat auch gesagt: Wilde Kaninchen darf man doch nicht anfassen“, sagt die Erzieherin. „Aber was sollte ich denn machen? Das Gras war kniehoch, die Kinder waren Blümchenpflücken, und plötzlich hatten sie das Kaninchen in der Hand. Da stand ich da. Was machste denn jetzt? Nimmt die Mutter das noch an?“
(Mal ehrlich: Wer will den Kindern das verübeln? Ich hätte mit vier oder fünf – und vermutlich auch noch mit elf oder zwölf – wohl nicht anders gehandelt…)
Um genau diese Frage zu beantworten, habe ich mich gestern lange im Netz rumgetrieben und habe auf irgendeiner halbwegs offiziellen Seite gefunden, dass das ein Mythos ist. Angeblich geht der Mutterinstinkt da über die Angst vor den Menschen. Das angefasste Tierchen mit Gras abwischen und in Ruhe lassen ist das Beste, was man tun kann. (Ich finde leider die Quelle nicht wieder – falls sie jemand hat: Immer her damit.)

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